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Sonntag, 6. Mai 2012

Kommentar: Abchasien-Tag im Museum für Völkerkunde Hamburg am 22. April 2012


                                             Foto: Lile e. V. Archiv 08.02.09


Von Marika Lapauri-Burk und Dr. Frank Tremmel

Am 22. April 2012 fand im Museum für Völkerkunde Hamburg ein  sogenannter „Abchasien-Tag“ statt, der auf der Website des Museums als Fortsetzung des 2009 (dort fälschlich 2008) stattgefundenen 1. Kaukasustages angekündigt wurde. Diese Genealogie deutet bereits die ganze Problematik der Veranstaltung  unter der Ägide von Herrn Professor Köpke und in Zusammenarbeit mit dem „Abchasischen Kulturzentrums in Deutschland“ und der Initiativgruppe der abchasisch-abasinischen Diaspora “Pro Abkhazia” an. Anstelle eines 2. Kaukasustages wurde eine sterile Propagandaveranstaltung für einen separatistischen abchasischen Staat inszeniert, der mit einer halbwegs ausgewogenen und komplexen Darstellung der Kaukasusregion in der Tat nichts mehr zu tun hatte. Die Richtung ist offenbar vorgegeben. Herr Professor Köpke betrachtet diesen Tag – wie er verlautbarte –  als Zwischenschritt zu einer größeren Veranstaltung über den Nordkaukasus im Jahre 2014, dem Jahr der in Sotschi geplanten Winterolympiade. Abchasien wird auf diese Weise im sowohl topographischen als auch topologischen Sinne sukzessive aus dem georgischen Kontext gelöst und in einen Raum verlegt, dessen geopolitische Hegemonialmacht hier nicht ausdrücklich genannt zu werden braucht. Die warmherzige Begrüßung des russischen Konsuls als Ehrengast und die anwesenden Vertreter russischer Forschungsreinrichtungen auf der Veranstaltung vor vierzehn Tagen verdeutlichen den eingeschlagenen Weg.

Da die Autoren sehr genaue Einblicke in die Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung im Jahre 2009 nehmen konnten, war diese Entwicklung für uns nicht überraschend. Bereits vor vier Jahren deutete sich diese Linie, auf der Herr Professor Köpke sich als Direktor des Museums seither kontinuierlich bewegt, an. Es war genau diese einseitige Tendenz, die uns damals bewog, uns aus der Organisation der Veranstaltung zurückzuziehen. Der aktuelle Abchasien-Tag, der keinerlei mediale Resonanz in Deutschland fand und auch im Vorfeld vom Völkerkundemuseum als Mitveranstalter nur sehr sparsam publik gemacht wurde, wurde ganz offensichtlich nicht zur Information der deutschen Öffentlichkeit durchgeführt. Die Veranstaltung, die überwiegend von der eingereisten abchasischen  Delegation inklusive der begleitenden Journalisten und dem abchasischen Fernsehen, der hiesigen Diaspora und einer kaum nennenswerten Zahl deutscher Gäste besucht wurde, diente vor allem den internen Legitimationsbedürfnissen des zurzeit in Abchasien herrschenden Regimes. Ein Vertreter der anwesenden abchasischen Delegation betonte die  Wichtigkeit der Veranstaltung  für ganz Abchasien, über die dort in allen Medien berichtet werde. Professor Köpke wurde diesem Zusammenhang überschwänglich als großer Gelehrter gefeiert. Von Seiten des Museums für Völkerkunde wurden insofern Erwartungen geweckt, von denen Herr Professor Köpke genau wissen muss, dass sie  nicht eingelöst werden können. Das ist nicht nur wissenschaftspolitisch, sondern auch im Sinne der außenpolitischen Interessen unseres Landes geradezu fahrlässig. Es dient auch keineswegs den wohlverstandenen Interessen der Abchasen.

Bereits in seiner Begrüßungsansprache betonte der Direktor des Museums allerdings mit nicht geringer Süffisanz, dass die Beschwerde des georgischen Botschafters über den Charakter der geplanten Veranstaltung beim Außenministerium der Bundesrepublik als PR Erfolg gewertet werden könne. Die legitimen Bedenken der Georgier wurden als Einmischung in die Autonomie seines  Museums abgetan. Die leitbildartig formulierten Grundsätze seines Hauses, in denen postuliert wird, dass das  Museum „ein Forum für den partnerschaftlichen Austausch zwischen Menschen aller Kulturen“ bieten will, werden von Herrn Professor Köpke offenbar sehr frei ausgelegt. Er selbst entscheidet, wer zu einer Kultur gehört und wer dementsprechend als Partner anzusehen ist. So wie er bereits 2009 „Abchasien, Ossetien und Georgien“ als nominell gleichrangige Nationen „eingeladen“ hatte und damit die nicht vorhandene völkerrechtlich relevante Anerkennung der beiden erstgenannten ethnischen Gruppen in den Wind schlug, so mochte er offenbar damals wie heute auch keine Vertreter der heute immer noch in Georgien lebenden 250 000 Flüchtlinge aus Abchasien einladen. Die in Hamburg ansässige Deutsch-Kaukasische Gesellschaft Lile e.V. wurde über die Veranstaltung nicht einmal informiert.  Stattdessen war diesmal der „Außenminister“ des abchasischen Regimes anwesend. Es würde uns übrigens sehr interessieren, wie diese Funktionäre ohne in der Bundesrepublik gültige Pässe einreisen konnten. Bereits 2009 war Herr Professor Köpke kaum davon abzubringen, offizielle Vertreter der separatistischen Regime in Abchasien und Schida Kartli einzuladen. Selbst ein Krimineller wie Eduard Kokoity, dem von allen Kennern der Region Verbindungen zum Organisierten Verbrechen nachgesagt werden, wäre  durch Herrn Professor Köpke fast Eingang in das ehrwürdige, seit 1879 bestehende Museum an der Rothenbaumchaussee verschafft worden. Erneut wurden auch 2012 mit der Türkei eng verbundene sogenannte Vertreter der Tscherkessen hinzu geladen. Wir hatten Herrn Professor Köpke bereits 2009 auf die Problematik dieser Politik hingewiesen. Es ist für Experten offenkundig, dass die Türkei als regionale Großmacht im Kaukasus eigene Interessen verfolgt, die von der Regierung in Ankara nahestehenden Verbänden und Bildungseinrichtungen sehr massiv propagandistisch vorangetrieben werden. Die türkische Kaukasuspolitik ist seit dem 1. Weltkrieg – gerade deutschen Wissenschaftlern und Politikern sollte das  bekannt sein – nicht unbedingt rühmlich zu nennen. Diesen Interessen wird durch die Veranstaltungspolitik von Herrn Professor Köpke eilfertig ein gerne genutztes Forum geboten.

Am Ende des  damaligen Kaukasustages, den Professor Köpke noch 2012 als großen Erfolg wertete, fand mitten in Hamburg im Konsulatsviertel auf den Stufen des Museums für Völkerkunde eine Demonstration statt, auf der die auf der Veranstaltung anwesenden Abchasen und Osseten vorbereitete Transparente und ihre Fahnen entfalteten. Herrn Professor Köpke fiel nichts Besseres ein, als daran teilzunehmen und somit als Gastgeber sehr einseitig Stellung zu beziehenWir bekamen dagegen zum Abschluss des Tages einen Artikel des schottischen Journalisten Neal Ascherson in die Hand gedrückt, in dem dieser die Abspaltung Abchasiens von Georgien gutheißt und eine Anerkennung dieser Region als Staat anrät. Frau Lapauri-Burk, die mehrfach in Vorbereitung der Veranstaltung auf Einseitigkeiten und Fehlentwicklungen hingewiesen hatte und bestimmte Mindeststandards einer ausgewogenen Darstellung angemahnt hatte, wurde 2008 hindurch penetrant der Parteilichkeit für Georgien bezichtigt und gemaßregelt. Herr Professor Köpke hatte sich in einem Schreiben an Herrn Dr. Tremmel vom 10. März 2009 allerdings noch dahingehend geäußert, dass er sich nicht sicher sei, ob die vermeintlich spontane Teilnahme an der Demonstration richtig gewesen sei und welchen Weg er für Abchasien begrüßen würde. Dieser vermeintlichen Unsicherheit widersprach hinter den Kulissen eine erhebliche Zielstrebigkeit in der Verfolgung bestimmter Interessen. Von dieser Ambivalenz – wenn sie denn in Wahrheit jemals bestand – ist 2012 allerdings nichts mehr zu spüren. Es ist nicht nur so, dass Herr Professor Köpke sein Museum zum Forum einer Politik macht, die dem Standpunkt der Bundesrepublik Deutschland, die keine Anerkennung Abchasiens als Staat vorsieht, widerspricht, er hat offenbar auch kein ernstzunehmendes Interesse daran, georgische Wissenschaftler, Künstler und offizielle Vertreter Georgiens in seinen sehr eigenwillig konzipierten „Dialog der Kulturen“ einzubeziehen. Das bedauern wir. Wir hatten ihm bereits nach der Veranstaltung 2009 angeraten, sich in Georgien selbst ein Bild von der Lage (insbesondere der Flüchtlinge) zu machen. Er ist inzwischen tatsächlich nach Georgien gereist – in die abtrünnige Region Abchasien!

Es ist leider offenbar so, dass sich Hamburg mit dem Völkerrechtler Professor Luchterhandt und dem Völkerkundler Professor Köpke im Kultur- und Bildungsbereich zu einer regelrechten Hochburg der antigeorgischen Politik der Anerkennung von separatistischen Mikronationalismen entwickelt hat. Wir finden es als Bürger dieser Stadt, die durch persönliche und kulturelle Beziehungen eng mit Georgien verbunden sind, mehr als problematisch, dass aus staatlichen Universitäten und einer Stiftung des öffentlichen Rechts heraus in derartig einseitiger Weise öffentlich unwidersprochen Stellung genommen wird. Damit wird unter dem Denkmantel der Wissenschaftsfreiheit auch dem Ruf des Wissenschaftsstandorts Hamburg kein guter Dienst erwiesen. Wir haben unsere Kritik bislang sehr zurückhaltend formuliert und immer wieder in privaten Briefwechseln mit den Beteiligten versucht, Schaden abzuwenden. Wir werden allerdings angesichts der Veranstaltung am 22. April diese bisherige Praxis überdenken. Wir erwarten, dass die Stadt Hamburg angesichts dieser bisherigen Entwicklung deutliche Signale für eine anspruchsvollere und komplexere Wissenschafts- und Kulturpolitik im Umgang mit der Kaukasusregion sendet. Wir werden dann unsererseits zu jeder Zusammenarbeit bereit sein und unsere Kenntnisse und Fähigkeiten gerne zur Verfügung stellen. Die Verantwortlichen der Kultur- und Wissenschaftspolitik der Stadt Hamburg sollten sich genauer darüber informieren, wo die kreativen Ressourcen der Kaukasusregion liegen und wo sich ein Engagement lohnt.


Sonntag, 6. Februar 2011

Recht der Bergvölker - Schwüre auf Gleichheit und Treue für den Kaukasischen Frieden

Wenn Du mich nicht als Gleichen behandelst ...
Recht der Bergvölker - Schwüre auf Gleichheit und Treue für den Kaukasischen Frieden



Nach wissenschaftlichen Publikationen von Michael Kurdiani, Avtandil Arabuli und Giorgi Davitaschwili. Zusammengestellt von „SITKVA“, einer sozial-politische Zeitschrift, Nr. 7, März 2009


Das historische Schicksal hat den Kaukasus an eine Kreuzung der Weltinteressen verschla-gen. Die ständige Expansion von Imperien und die ständigen Übergriffe der Reitervölker ha-ben ein Bewusstsein hervorgebracht, bei dem ohne einen Zusammenhalt der Kaukasier kein Überleben möglich ist.

In den schmalen Tälern des Kaukasus hat das lange und enge Zusammenleben ein einzig-artiges System der Bergbewohner hervorgebracht, das auf der historischen Verwandtschaft, dem Bewusstsein der gemeinsamen Interessen, dem Ritterlichen Kodex, der Gerechtigkeit der Mächtigen, der Vernunft der Schwachen und auf der prinzipiellen Unterscheidung zwi-schen „Eigenem“ und „Fremdem“ basiert.
Das System wurde im Laufe der Zeit zu einer festen Tradition, zum ADAT-CESI Gesetz, das sich zu einem ungeschriebenen Gesetz herausgebildet hat und das der Kraft der systemati-sierten Gesetzte gleichkommt.

Der Khewsure meint als Eigenes den Kisten, der Svane den Tscherkessen, obwohl niemand so viel Streit und Feindschaften mit den Kisten hatte wie die Khewsuren und die Svanen mit den Tscherkessen. Der „Eigene“ kann zum Feind werden, und der „Fremde“ kann zum Freund werden, aber in einer strategischen Perspektive ist „dein Feind“ näher, als ein ent-fernter Freund. Deshalb behandeln die Kaukasier die Beziehungen mit Nachbarn nach den gleichen Prinzipien, wie sie die eigenen inneren Angelegenheiten regeln. Deshalb wird ein persönlicher Streit niemals in einen Krieg verwandelt. Deshalb wundert es in den Bergen keinen, als im Tschetschenischen Krieg die Tschetschenen nach Georgien flüchteten und georgische Bergbewohner ihnen Obdach gewährten, obwohl sie dadurch selbst der Gefahr russischer Übergriffe ausgesetzt waren. So trafen sich 1944, als die Russen die Kisten de-portierten, die Khewsuren und Kisten in Djarega und schwuren, dass die Russen die Khew-suren und Kisten nicht gegeneinander ausspielen können und das zwischen ihnen Feind-schaft ausgeschlossen sei.

Unter den Nachbarn gab es Überfälle, Raub, Entführungen, aber das aus einer gemeinsa-men kaukasische Ader entstandene Recht verbat den Kabardiener, den Svanen, den Tscherkessen, den Kisten, den Khewsuren die lokale Borniertheit, Einsinnigkeit, Verrat, Angst, Kleinlichkeit, sinnlose Feindschaft und verpflichtete sie darauf, jeden Bergbewohner, auch wenn er aus einem feindlichen Lager stammt, mit Würde zu behandeln hat. Abchase, Tscherkesse, Kiste, etc. zu sein bedeutetet, ein edler Kämpfer, ein Aufrechter und Treuer zu sein. Bei einer persönlichen Auseinandersetzung gewann der Würdigste in einem aufrichti-gen Kampf und nicht mit allen Mitteln.

Unter den kaukasischen Bergbewohnern ist sogar eine rechtliche Norm der völkerrechtlichen Beziehungen entstanden, ein Abkommen zwischen den angrenzenden Dörfern über die ge-genseitige Unterstützung bei einem plötzlichen Überfall - die angrenzenden Dörfer trafen Vereinbarungen, die gegenseitige Angriffe ausschlossen. Wenn aber ein Übergriff, Raub, Entführung stattgefunden hat, war die Täterseite verpflichtet, die Gerechtigkeit wiederherzu-stellen oder den Verlust auszugleichen. Ein Beispiel für diese Abkommen kennen wir aus SAMANI in der Hl. Georg Kirche in Djuta, oder in einem Dokument von 1790, der „Verpflich-tungen der Tuschen“. Darin lesen wir: „... Wir Tuschen und Didoer haben miteinander ge-sprochen. Das Herz der Didoer glaubte unserem Friedensangebot nicht und daher haben wir diese Verpflichtung schriftlich niedergelegt: Wenn ab heute ein Tusche einem Didoear etwas zufügt, dann haben wir uns an unserem Staat versündigt und ihn verraten“
In diesem Friedensdokument der Kaukasier ist offensichtlich, dass auch der Staat eine aktive Rolle für den Frieden unter den Bergbewohner spielte. Erekle II. beauftragte den Vogt aus Eniseli, er solle die Beziehungen zwischen den georgischen Bergbewohnern und den Leken in Ordnung bringen: „Wenn die Tuschen und Khewsuren sich zusammentun und Übergriffe gegen die bereits mit uns versöhnten Antsukhen und Didoer unternehmen wollen, wenn du von so einer Verbündung erfährst, wenn sie keine schriftliche Erlaubnis von unseren Vogt oder uns besitzen, sollst du nicht gut zu ihnen sein, entwaffne sie und treibe sie entwaffnet weg ...“

Wenn zwischen den Seiten trotzdem eine Feindschaft entstand und Blut vergossen wurde, wurde der Konflikt durch das ADAT-Recht reguliert, demnach die Verantwortung der Täter oder seine näheren Verwandten übernehmen sollten. Eine Rache war vermeidbar, wenn die Mediatoren, ein Mediatorengericht, die über zu jeglichem Verbrechen passende Normen verfügen, sich in die Sache einmischten.
Wenn ein Friedens- oder Wiedergutmachungsverfahren eingeleitet wurde, das manchmal Jahrzehnte dauern konnte, wurde die Blutrache unterbrochen, der Schuldige unterlag einem „Reuegesetz“ und in dieser Zeit wurde eine Rachetat der Gegenseite als unwürdig betrachtet oder sogar verboten.

In den ADATs der Kaukasier gibt es viele Ähnlichkeiten. Sie sind zwar nicht einheitlich, aber wichtig ist in jedem Fall die gegenseitige Anerkennung und der Respekt vor ethischen und rechtlichen Gesetzen. Mehr noch, bei den eigenen schwierigeren Streitbarkeiten haben sie sich gegenseitig als Mediatoren benannt und als Richter eingeladen. Ein so einberufener Richter wurde sogar mit größerem Respekt behandelt und bevorzugt.
Die Konflikte zwischen den kaukasischen Völkern wurden in den meisten Fällen durch ein Mediatorengerichtsverfahren gelöst, das Ausdruck der kaukasischen Rechtskultur war. An die Stelle der Rache haben die Kaukasier einen sehr wirksamen Schlichtungsmechanismus gesetzt. Die internen Streitbarkeiten wurden mit den gleichen Normen und Prinzipien gelöst wie zwischen den Stämmen. Das bedeutet, dass ein Kaukasier für einen Kaukasier ein Stammesangehöriger war. Das war so, aber das ist oft nicht mehr so. Das soll ein anderes Forschungsthema sein. Was hat das Kaukasische im Abchasen verschlungen, oder was hat die historische Erinnerung der Nordkaukasier zerstreut, die im Abchasischen Krieg mit den Russen zusammen gegen die Georgier gekämpft haben und mit deren Köpfen Fußball ge-spielt haben. Oder was hat die Erinnerung in den georgischen Osseten gelöscht, die eine Staatlichkeit beschwören und einen Fremden auf kaukasischem Boden zum Herrschen ein-laden. Oder, wer und wie soll herausgefunden und erforscht werden, was den Verstand der georgischen Beamten vernebelt hat, die in dem abchasischen Krieg Kämpfer, Mediatoren, Gewalttäter, Opfer, Angreifer und Verteidiger zugleich waren.

Augenzeugen haben uns auch eine der beispiellosen Niederlagen des kaukasischen Adat-Gerichts überliefert. Bei der Versammlung zur Schlichtung zwischen Abchasen und Georgi-ern hat der georgische Teilnehmer die abchasischen Ältesten in einer Weise angesprochen, die es besser erscheinen lässt, dass es in der Geschichte keine schriftlichen Dokumente darüber gibt. Die Ältesten haben einander daraufhin angeschaut, sind wortlos aufgestanden, haben den Georgiern den Rücken gekehrt und sind zurück in die Berge gegangen. Der Krieg ging weiter und dauert bis heute.

Beispiele des Kaukasischen Schlichtungsrechts sind die svanischen und khewsurischen Ge-richtsverfahren, die in unveränderter Form bis ins 21. Jahrhundert in Gebrauch sind. Mit die-sen Beispielen wird offensichtlich, wie die Kaukasier Feindschaften und Blutvergießen bei-legten.
Das svanische Schlichtungsgericht läuft folgendermaßen ab: Die verfeindeten Parteien wer-den von Gesandten „Mezkular“ aufgesucht. Sie erreichen ein Einverständnis zum Friedens-schluss. Die Schlichter sind hochangesehene Persönlichkeiten. Sie behandeln beide Seiten sehr diplomatisch, die gegensätzlichen Positionen werden in einer milderen Sprache weiter gegeben und so erreichen die „Morven“ (Schlichter) die Zustimmung zum Frieden.
Diese Zustimmung ist nicht einfach, weil für die geschädigte Seite eine Nichtausübung der Blutrache als eine Entehrung des Namens seines Stammes gilt. Der „Makhwschi“(der Älte-ste) versammelt die Gesandten und sie besuchen gemeinsam die Familie des Getöteten. Dort herrscht zunächst Aufregung, aber nach zwei bis drei Besuchen stimmt die geschädigte Familie zu, dass der Fall von dem „Morvengericht“ behandelt wird. Falls die verfeindeten Seiten nicht auf Verhandlungen eingehen, kann der „Makhschwi“ die Gemeinde („Temi“) zu einer Versammlung einberufen. Die „Temi“ rät den verfeindeten Parteien, Frieden zu schlie-ßen, ansonsten drohen sie mit der Ausschließung von dem „Temi“. Die Feindschaft wird beendet. Beide Seiten benennen ihre jeweiligen „Morven“: Wenn die Lage sehr schwierig ist, jeweils zwölf, für die leichteren Fälle sechs, oder noch weniger. Die geschädigte Seite darf als Schlichter eine Person mehr benennen. Die Kandidaten zur Wahl der „Morven“ werden durch Gesandte bis zum Konsens miteinander abgesprochen. Ein Widerruf ist möglich. Wenn ein Schlichterkandidat nicht akzeptiert wird, wird ein neuer genannt. Der Schlichter – „Morvi“ – soll gewissenhaft, gerecht, klug, scharfsinnig, gottesfürchtig und gläubig sein. Svanen vermeiden, ein „Morvi“ zu sein, weil sie dabei schwören müssen, dass Sie ein ge-rechtes Urteil verkünden werden. Sie sind besorgt, dass sie vielleicht durch „Unwissenheit“ das Recht nicht erkennen können und damit den Schwur schänden. Dann würde der Gottes-zorn über sie und ihre Familien und Nachkommen kommen. Die „Morven“ fangen an, den Fall zu studieren. Sie gehen in die Familie des Klagenden. Dort werden sie zur Tafel gela-den. Der Tisch ist reichlich gedeckt mit Brot, Fleisch, Schnaps, Käse. Der Familienälteste nimmt am Anfang des Tisches Platz, hebt ein Trinkgefäss und wendet sich an Gott. Dann wendet er sich an die „Morven“, bedankt sich, verlangt, dass der Kläger nicht benachteiligt, sondern gleichbehandelt wird. Er sagt etwa die folgenden Wörter: „Meinen Dank will ich euch zuteil werden lassen, wenn ihr uns in dieser peinlichen Situation nicht benachteiligt und uns gleichberechtigt behandelt...“
Die „Morven“ werden etwa lauter und sagen: „Die Angelegenheit, derentwegen wir heute hier sind und die damit verbundenen Ausgaben sollen in Zukunft fern von euch bleiben. Ab jetzt sollten wir nur für Feste und zur Freude hier zusammen kommen“.
Der „Makhvshi“ fängt zu speisen an, alle essen. Der zweite Trinkspruch ist den Erzengeln, der dritte dem Heiligen Georg gewidmet. Die „Morven“ trinken nur beim ersten Trinkspruch mit aus, die weiteren werden nur mitgesprochen. Sie betrinken sich nicht. Dann werden alle still. Sie hören auf zu essen. Der Familienälteste steht auf, stellt sich in der Mitte und bringt die Klage vor. Alle schauen ihm zu.
Der „Makhvshi“ aus dem Familienstamm Girgvliani, der achtzigährige Badzu Girgvliani, hat bei der Klage zwischen den Familien Pardjianis und Girgvlianis geweint. Es weinten auch die Familiemitglieder. Einige verließen den Raum. Der „Makhvschi“ wischte seine Tränen mit dem Ärmel seiner „Tschokha“ (kaukasische Tracht) ab und setzte die Klage fort, die vier Stunden dauerte.
Nach der Klage der Geschädigten leeren die „Morven“ das Trinkgefäss.
Sie sprechen die Hoffnung aus, dass sie der Angelegenheit gerecht werden. Dann kehren sie noch zum Tisch zurück und anschließend verlassen sie die Familie.
Am nächsten Tag besuchen sie die Familie der Gegenpartei. Hier wiederholt sich der Ablauf mit den selben Regeln. Der Angeklagte sagt aus und antwortet auf die gestellten Fragen. Die „Morven“ merken sich diese Antworten und tafeln dann weiter. Danach gehen Sie nach Hause.
Am nächsten Tag kommen die „Morven“ wieder in die geschädigte Familie und überbringen die Antwort von der schuldigen Familie. So geht es weiter bis alles geklärt wird.
Danach setzen sich die „Morven“ am Rande des Dorfes unter die Bäume, auf den Rasen, auf die Wiese oder in ein verlassenes Haus, an einen einsamen Platz, oder an einen unzu-gänglichen Ort. Bei Eintritt der Dunkelheit machen Sie kein Feuer. Die Versammlung kann einige Tage dauern. Nachts gehen alle nach Hause, tagsüber versammeln sie sich erneut. Wenn das Fällen des Urteils sich zu lange hinzieht, wechseln sie den Platz, der schon vom Teufel besetzt ist und finden einen neuen Platz, einen Platz, auf dem die Engel umgehen. Diese Beratungen sind geheim. Es soll nicht nach draußen dringen, wer was gesagt hat, wer die Anklage erhoben hat, wer wem recht gegeben hat.
Die „Morven“ unterbrechen das Gespräch des anderen nicht. Die traditionelle Gesprächskul-tur beinhaltet, dass der Jüngere erst den Älteren ausreden lässt. In Svanetien wird in solchen Fällen an „Haraki“, einen ähnlichen Fall aus der Vergangenheit, erinnert und bei dem Urteil berücksichtigt.
Wenn alle „Morven“ ausgesprochen haben, wird der „Hauptmorve“, der „Mutsvri“ oder „Neg sachu megne“, stellvertretend für alle, seine Position zur Schwere der Anklage und die Grö-ße der Kaution formulieren. Nach der gemeinsamen Entscheidung wird das Ritual „Bacha liljedes“, die „Begrabung des Steines“ durchgeführt. Einer der Geschworenen nimmt den Stein, gräbt ein Loch in die Erde, begräbt den Stein und spricht das „Garzami“, den Schwur: „Diese Angelegenheit ist beendet, unser Urteil war endgültig. So soll begraben sein derjeni-ge, der den Inhalt kennt und das Urteil vorher verrät, bevor wir das Urteil gesprochen haben. Sagt alle „Amen!“ Alle anderen sagen „Amen“ und gehen.
Nach dem Urteil wird dieses verkündet. Vor dieser Verkündung findet eine Schwurzeremonie in einer Kirche statt. Dieser Schwur handelt von Gleichberechtigung und Treue.
Der Priester und beide Parteien kommen an den Verkündungsort. Aus der Kirche wird eine Ikone herausgetragen, die an die Kirchenmauer gestellt wird. Vor der Ikone stehen mit ge-senkten Köpfen die „Morven“, etwas weiter hinten, getrennt von einander, die Parteien. Dar-auf folgend werden alle „Morven“ vor der Ikone schwören. Davor aber werden erst von den Klägern und dann von den Beschuldigten GARZAMI (spezielle Schwurformeln) ausgespro-chen. Sie beschwören die „Morven“, dass sie deren Schmerz berücksichtigen und entspre-chend urteilen.
Der Kläger stellt sich vor die Ikone und spricht: „... wenn die von uns gewählten Geschwore-nen mich nach meiner gewissenhaften Darstellungen benachteiligen, ... dann Hoi, Herr Gott, der Allmächtige, so oft wie aus dem Himmel Regen und Schnee fällt, so viel Grass auf der Erde wächst, so viel Sand im Meere ist, - so viele goldhörnige Stiere sie dir nicht spenden, so lange (und zeigt auf den Geschworenen) sollst Du seinen Kindern und Nachkommen nicht beistehen. Vernichte sie mit dem ganzen Stamm, wenn der Geschworene, jeder Ein-zelne, mich nicht genau so behandelt hat, als ob er selbst an meiner Stelle gewesen wäre, - dann erhöre meine Bitte so lange, Herr Gott, wie Jesus und seine zwölf Apostel nicht als Abendmahlsgemeinschaft auffindbar sind. So lange Abendmalbrot nicht aus dem Mehl, das aus Jerusalem kommt, gebacken wird und auch der Abendmahlwein nicht von dort kommt, solange sollt ihr nur Böses erleben, seit verflucht, so dass eure Schwiegertöchter Schlangen und Frösche gebären sollten...“
Der Angeklagte spricht ebenfalls den GARZAMI, reißt das Grass aus der Erde heraus und schmeißt es in die Luft. Dann tritt er vor, eine Hand streckt er in Richtung Ikone, die andere in Richtung Geschworene und spricht: „ Herr Gott, der Allmächtige, wenn die Geschworenen mich ohne Regeln und Notwendigkeit verurteilt haben, dann verfluche sie ...so und so...“ und sagt einen Fluch. Er nimmt den Hut ab und schmeißt ihn auf die Erde und sagt: „So mögen ihre Häuser und Leben hinunterfallen, wenn sie mich nicht gleichberechtigt behandeln“.
Dann steht der „Makhvshi“ auf und sagt: „... alles, was wir konnten, alle Maßnamen haben wir berücksichtigt... Wir haben die Anklage gewogen, wir haben die Antwort und die Erwide-rung auf die Antwort gegeneinander gestellt, untersucht und durch unser Recht und unsere Regeln haben wir eine Lösung gefunden, die von jedem Geschworenen akzeptiert wurde, do dass jeder an unsere Stelle genau so handeln würde“
Die Geschworene sagen: „Wir sind mit diesen GARZEMI einverstanden, wir schwören, dass wir auf dem wahren, rechten Wege gegangen sind, soweit unser Verstand es zulässt.“
Nach dem Schwur der Gleichberechtigung schwören die Kläger und der Angeklagte den Treueid. Die beide Parteien schwören: „ Mit seinem Segen (und sie zeigen dabei auf die Iko-ne) schwöre ich, dass wenn du mir treu bist, ich auch dir treu bin. An diese heutige Angele-genheit werden weder ich, noch mein Sohn oder unsere Nachkommen, dich wieder erin-nern.“
Nach diesem Schwur gehen die Geschworene und auch die Parteien nach Hause. Die Ge-schworene teilen sich und eine Hälfte geht mit den Angeklagten, die andere mit den Klägern, um das Urteil zu verkünden. Das Urteil wird also in deren Familien verkündet und dann ge-hen sie auseinander.
Es gibt auch eine andere Regel, wonach der Angeklagte zu der geschädigten Familie geht und dort wird dann das Urteil ausgesprochen. Danach wird eine Friedenstafel gedeckt.
Nach der Urteilsverkündung wird mit deren Durchführung begonnen. Der Schuldige muss in zwei Wochen oder in einem Monat die pflichtgemäßen Gebühren zahlen. Die „Morven“ be-kommen auch einen Lohn, Kupfertöpfe, Geld etc. Zu den Geschworenenpflichten gehört auch die Eintreibung von Strafgebühren und deren Weitergabe an die Opfer.

Andere Rechtsmechanismen waren für die Svanen nicht akzeptabel. Während die russische Regierung zweimal im Jahr einen Richter nach Svanetien kommen ließ, der vergeblich ver-sucht hat, Morde und andere Rechtwidrigkeiten zu untersuchen, regelten die Svanen dies mit eigenen traditionellen Rechtsverfahren, handelten oder begingen weitere Rachemorde... Der angekommene Richter suchte die Parteien auf. Alle Bewohner sagten zum Vorteil des Schuldigen aus, damit es keine Möglichkeit geben könne, dass ein Svane nach russischem Recht verurteilt würde. Ein Richter verlor die Nerven, sammelte alle Dokumente zusammen, goss Öl darauf und verbrannte sie. Dabei schrie er: „Wozu ist in Svanetien ein Gericht not-wendig?!“

Übersetzung: Marika Lapauri-Burk

Sonntag, 15. November 2009

Medien Deutschland

Betreff: Dokumentation am 14.12.08 „Machtpoker im Kaukasus“

Dokumentation am 17.12.08 „Die Spur des Goldes“ / “Abenteuer Wissen“




von Dr. Frank Tremmel, Marika Lapauri-Burk

in der letzten Zeit gab es hin und wieder einige Bemerkungen und Diskussionen über die Bedeutung und Funktion der Medien in einer globalisierten Welt. Gerade am Beispiel Georgien läßt sich die vereinigende und gleichzeitig trennende Macht der medialen Berichterstattung sehr anschaulich dokumentieren. In der Zeit des eisernen Vorhangs und erneut in der Zeit nach der Perestroika war Georgien und der Kaukasus eine Terra incognita. Lediglich durch die stark idealisierte Gestalt Eduard Schewardnadses rückte das Land zeitweilig in den Fokus der Weltöffentlichkeit, um dann schnell wieder in den unendlichen Weiten der postsowjetischen Unübersichtlichkeit zu versinken. Durch kriegerische Auseinandersetzungen, wie sie im August dieses Jahres ausbrachen, hatte die Berichterstattung über diese Region erneut Konjunktur. Die Fragen nach den Hintergründen des Konflikts schufen einen wachsenden Bedarf an Informationen, die jedoch aufgrund der Besonderheiten dieser Region und der mangelnden Kenntnisse nur schwer zu beschaffen sind. Der auf Informationen aus zweiter Hand und zudem oftmals nur ungenügend überprüften Quellen aufgebaute Informationsfluss erwies sich zunehmend als destruktive Einflusskomponente. Auch die offenbar mit heißer Feder geschriebenen Artikel und Bücher der jüngeren Zeit bewegen sich entweder auf dem problematischen Niveau einer Weltbürgerkriegsdiagnostik à la Scholl-Latour, oder ergehen sich in ahistorische Sophistereien über völkerrechtliche Einzelfragen, die den Leser oftmals ratlos zurücklassen. So groß zweifellos die Bemühungen der georgischen Seite waren, die Aufmerksamkeit im Westen zu gewinnen, so groß ist jetzt die Befürchtung, dass dieses Interesse sich als zweischneidiges Schwert entpuppt. Die anfänglichen Hoffnungen auf eine stärkere Medienpräsenz weichen zunehmend der Sorge, dass das kleine Kaukasusland zum Opfer eines oberflächlichen Sensationsjournalismus wird. In manchen Fällen muss sogar von einem westlichen Informationskolonialismus gesprochen werden, der sich auf zweifelhafte Weise originäre Erfahrungen und Erkenntnisse der Menschen dieser Region aneignet und sie seiner Deutungshoheit unterwirft. Das gilt nicht nur für den politischen Kampf Georgiens um seine Unabhängigkeit, sondern auch für sein kulturelles Erbe.

Den westlichen Berichterstattern ist oftmals nicht bewusst, dass mit den politischen, ökonomischen und kulturellen Umbrüchen in Osteuropa für uns alle eine neue Ära angebrochen ist, die es erforderlich macht, unterschiedliche Erfahrungen in einem wechselseitigen Prozess auszutauschen und nicht einfach durch die Raster der jeweils überkommenen Kategorienssysteme zu filtern. Angesichts des komplexen Ineindergreifens von Finanzkrise und antiquierten Großmachtambitionen auf einem ökologisch bedrohten Planeten sind wir erstaunt, mit welch groben und vorsintflutlichen Begrifflichkeiten die Kaukasusregion belegt wird. Das vielzitierte und immer wieder eingeforderte „Neue Denken“ erweist sich für Georgien weiterhin als leeres Postulat. Gerade von einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt erwarten wir aber eine seriöse und umfassende Darstellung von Themen und Problemen. Vereinfachungen, Pauschalisierungen und Standardisierungen sind uns von den privaten Anbietern bereits sattsam bekannt. Umso schmerzlicher empfinden wir es, dass nun auch das ZDF offenbar auf möglichst einfache, schnelle und oberflächliche Antworten setzt. Wir hatten bisher die deutsche Medienpolitik in mancher Hinsicht sogar für vorbildlich gehalten und gehofft, dass sie auch in Georgien Nachahmer findet. Das müssen wir leider zunehmend bezweifeln. Wir finden in steigendem Maße eine reißerische Bildsprache in der Berichterstattung über den Kaukasus, der dem Anspruch einer seriösen Dokumentation nicht gerecht wird. Wir möchten an dieser Stelle nur zwei Sendungen herausgreifen, die vom ZDF im Dezember ausgestrahlt wurden.

In der am 14.12.2008 ausgestrahlten Sendung „ Machtpoker im Kaukasus “ sollte uns in Gestalt einer dramaturgisch geschickt inszenierten Kriegsberichtserstattung der Eindruck einer vermeintlich objektiven, den Konfliktparteien gleichermaßen distanziert gegenüberstehenden, Analyse der Ereignisse suggeriert werden. Die Genealogie des Krieges setzt in der üblichen Weise mit den manifesten Kriegshandlungen im August ein. Die vorangegangenen, vergleichsweise unspektakulären Provokationen und Großmachtsgebärden von russischer Seite ließen sich vermutlich nicht in der gleichen Weise medial vermarkten. Der lange, zähe und zermürbende Kampf Georgiens um seine Unabhängigkeit und den Anschluss an moderne Standards der Entwicklung sind erst recht nicht in gleichem Maße bildjournalistisch in Szene zu setzen. In einem furiosen Durcheinander klischeehafter Bildfolgen wird zwar rhetorisch die Frage, „Wer ist der Gute und wer ist der Böse“ aufgeworfen, aber es gelingt nicht, den historischen Kontext zu beleuchten, geschweige denn, den Konflikt in einer Entwicklungsperspektive zu deuten. Es bleibt insofern nur der Eindruck einer lockeren Zusammenfassung gängiger Interpretationen, Sprachregelungen und geostrategischen Allerweltswissens. Uns ist selbstverständlich bewusst, dass in den zur Verfügung stehenden fünfundvierzig Minuten keine vollständige Darstellung der Kriegsursachen gegeben werden kann. Allerdings muss vier Monate nach Ende der offensichtlichen Kriegshandlungen doch erwartet werden, dass mehr als nur die damals benutzten Klischees geliefert werden. Wir möchten in diesem Zusammenhang nur einige Punkte ansprechen:

1. Beispielsweise fanden wir es bezeichnend und bedauerlich, dass erneut einseitig eine Personalisierung des Konfliktes betrieben wurde. In plakativen Schnittfolgen wurden die Bilder Vladimir Putins und Michail Saakaschwilis so montiert, dass der Eindruck entstehen mußte, als ob sich zwei völlig gleichartige Machthaber ein Duell liefern würden. Der Präsident Georgiens wird einerseits als Negativfigur aufgebaut, andererseits hat das Exklusivinterview mit dieser tatsächlich oder vermeintlich zweifelhaften Figur aber einen Stellenwert, der dann nur schwer zu verstehen ist. Es wäre doch weitaus leichter gewesen, beispielsweise die russische Menschenrechtlerin Tatjana Lokschina und die anderen Mitarbeiter von Human Rights Watch, die in der Konfliktregion vor Ort waren, zu befragen. Die Suche nach Guten und Bösen ließ offenbar auch keinen Raum im bundesdeutschen Fernsehen für die Handvoll russischer Liberaler, die sich überhaupt noch trauen, die Außenpolitik ihrer Regierung zu kritisieren. Das ZDF scheint diese Ressourcen der Zivilgesellschaft aber nicht sonderlich interessant zu finden. Worin liegt dagegen der Wert einer Informationsquelle wie Saakaschwili, die bereits im Vorfeld als parteilich denunziert wurde? Wenn man lediglich die Absicht hatte, die personalisierten Kombattanten zu Wort kommen zu lassen, warum schloss sich dann in dieser Logik kein Interview mit Präsident Medwedew oder Herrn Putin an? Zudem dürften den verantwortlichen Redakteuren doch bekannt gewesen sein, dass mittlerweile die Schweizer Botschafterin Heidi Tagliavini, die persönlichen Vertreterin des Amtierenden Vorsitzenden der OSZE für Missionen im Kaukasus, zur Leiterin einer Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen berufen wurde. Dafür wurden Mittel in Höhe von 1,6 Millionen Euro bereitgestellt. Die Untersuchungen sollen bis September 2009 abgeschlossen sein. Es sollte einem klugen, investigativem Journalismus doch möglich sein, Frau Tagliavani zumindest einen Zwischenkommentar zu entlocken. In jedem Fall wäre ein Verweis auf die Arbeit dieser Kommission ein Gebot der journalistischen Redlichkeit gewesen, oder meint das ZDF im Ernst, dass es in kürzerer Zeit mit geringeren Mitteln der Wahrheit näher gekommen wäre? Anstatt über die Einhaltung des von Präsident Sarkozy ausgehandelten Sechs Punkte Plans zu berichten und dazu seit Anfang Oktober in den Konfliktgebieten tätige EU Beobachter, z.B. den deutschen Diplomaten Hansjörg Haber zu befragen, werden erneut offizielle Regierungsvertreter befragt, die im gleichen Zuge als parteilich demontiert werden. Auch die Kommentare von David Gamkrelidze, einem auch in der Bevölkerung mehr als umstrittenen Oppositionspolitikers dienen eher der erneuten, einseitigen Fokussierung auf den Präsidenten Saakaschwili. Auf diese Weise kann nur der Eindruck einer unübersichtlichen Propagandaschlacht entstehen, in der es keine Wahrheiten gibt. So nihilistisch sehen wir die Lage aber keineswegs. Herr Strumpf und Frau Gellinek hätten lediglich, anstatt bereits in der Titelwahl eine oberflächliche Glücksspielmetaphorik zu bemühen, die historische Rolle Russlands in dieser Region näher beleuchten müssen, um sich und den Zuschauern ganz zwanglos eine Magistrale zur entscheidenden Erkenntnissen zu erschließen. Damit sind auch bei die beiden Hauptpunkte unserer Kritik angelangt: Der Mangel an historischen Hintergrundinformationen und bestimmte Sprachregelungen, die bundesdeutsche Journalisten als scheinbar unbeteiligte Beobachter in einem Konflikt erscheinen lassen, in dem sie den Kombattanten äquidistanziert gegenüberstehen.

2. Die Frage, wer den Krieg begonnen hat, läßt sich nur beantworten, wenn auf die langfristigen Interessen Russlands in dieser Region hingewiesen wird. Es ist doch offensichtlich, dass bei der medial umgesetzten Genealogie eines Krieges der zweifellos immer auch perspektivisch gesetzte „Beginn“ von entscheidender Bedeutung ist. Wenn Sie den Konflikt lediglich mit den Ereignissen im August 2008 anfangen lassen, bekommen Sie ein anderes Bild, als wenn Sie die Ursprünge weiter zurück datieren. Beide Vorgehensweisen sind in jedem Fall begründungsbedürftig. Im Beitrag des ZDF wird die erste Perspektive aber ohne Angabe von Gründen gleichsam naturwüchsig nahegelegt. Das ist weder im Sinne redlichen historischen Forschens, noch unter Gesichtspunkten eines professionellen Journalismus akzeptabel. Es wäre zumindest darauf hinzuweisen gewesen, dass viele seriöse Wissenschaftler die unmittelbaren Ursachen des Konfliktes zumindest im Jahr 2004 verorten, umfassendere Forschungen einen latenten Kriegszustand seit 1992 konstatieren und wirkliche Kenner der Region darauf verweisen, dass hier von einer dritten Annexion Georgiens durch Russland gesprochen werden kann. Insofern wäre dann der Konfliktbeginn sogar mit dem Jahr 1801 mit dem Folgedatum 1921 anzusetzen.

Wenn man allerdings lediglich den Konflikt zweier wild gewordener Diktatoren ins Bild setzen will, dann ist die vordergründige Vorgehensweise des ZDF klug gewählt. Es entsteht dann der Eindruck, als ob Russland und Georgien zwei gleichermaßen imperiale Mächte wären und die bundesdeutschen Journalisten in der Berichterstattung nur das Credo des Bundeswehrgenerals a.D., Klaus Reinhardt, nachvollziehen, der beide Konfliktparteien offenbar für verdiente Verlierer hält und lediglich die EU als gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen lässt. Bisher sind wir davon ausgegangenen, dass Georgiens Weg in den Westen im gemeinsamen Interesse sowohl der USA und der Europäer läge. Der Beitrag im ZDF legt nahe, dass Georgien lediglich eine kaukasische Analogie zu den lateinamerikanischen Bananenrepubliken sei. Eine überdimensionierte US-amerikanische Botschaft und nordamerikanische Ausbilder der georgischen Armee werden dafür als plakative Belege genommen. Wir möchten in diesem Zusammenhang fragen, ob ein analoger Befund für die Bundesrepublik Deutschland, der sich ebenso schnell herstellen ließe, im Rahmen eines öffentlich-rechtlichen Senders Akzeptanz fände? Rein sachlich wird auch hier übrigens unterschlagen, dass es diese Ausbilder bereits während der Amtszeit Eduard Schewardnadses gab, der weit bessere Beziehungen zur russischen Nomenklatura unterhielt als sein Nachfolger. Dass zudem georgische Offiziere an Hochschulen der Bundeswehr ausgebildet werden und Franzosen am Bau von Militärbasen beteiligt waren, wäre immerhin ebenfalls erwähnenswert gewesen. Vielleicht sollten sich bundesdeutsche Journalisten von Zeit zu Zeit einmal daran erinnern, dass in diesem Konflikt Werte verhandelt werden, die auch ihren Vorstellungen von einer freien Berichterstattung zugrunde liegen. Roland Stumpf beschreibt im Internetbegleittext zur Sendung den Unmut seiner westlichen Kollegen, die sich über die ständige Überwachung und die Hindernisse bei einer objektiven Berichterstattung beschweren. Ihm selbst ist dazu nicht viel mehr eingefallen, als leitmotivisch einen Pressesprecher der russischen Armee als Begleitung durch den Film zu wählen. Vielleicht hilft das ja, durch den selbstinszenierten Propagandadschungel hindurchzufinden, um dann bei „europäischen Interessen“ anzulangen.

3. Neben der Auswahl der Bilder spielen zweifellos bestimmte, immer wieder benutzte, Redewendungen eine entscheidende Rolle, um eine Situation in ihrer Bedeutung festzulegen. Herr Strumpf und Frau Gellinek haben dazu von Anfang an Phrasen, wie „zerrissenes Land“ und „unruhiger Kaukasus“ gewählt, um eine offenbar an sich schon instabile und durch ethnische Konflikte charakterisierte Region zu beschreiben. Untermahlt mit den entsprechenden Bildern des August entsteht der Eindruck einer bemitleidenswerten, aber auch unheimlichen Bürgerkriegsregion, deren Konflikte für den bundesdeutschen Medienkonsumenten fern und trotzdem bedrohlich wirken. Es wird nicht zum ersten Mal der Eindruck erweckt, als würden hier halbwilde kaukasische Bergvölker die alten Großmächte in einen Konflikt ziehen, der für die bundesdeutsche Gemütlichkeit gefährlich werden könnte. Das Ringen dieser Völker um eine halbwegs unabhängige und kontinuierliche Entwicklung wird dabei nicht mehr sichtbar.

Des weiteren wird durch bestimmte, unkritisch übernommene Benennungen der Eindruck erweckt, als ob hier uralte Ethnien von georgischer Seite unterdrückt würden. Das die Begriffe selbst überhaupt erst distinkte Ethnien erzeugen könnten, ist den beiden Journalisten offenbar entgangen. So wird der erst 1922 von bolschewistischen Organisationen kreierte Begriff „Südossetien“ völlig fraglos übernommen und perpetuiert. Zu dem damaligen Zeitpunkt lebten lediglich drei ossetische Familien in der Zkhinwali Region. Gleichzeitig verschiebt man durch die andauernde Wiederholung des Begriffs „Kerngeorgien“ die historischen Grenzen des Landes und bereitet damit semantisch die Zerstörung der völkerrechtlich verbürgten Souveränität und Integrität Georgiens vor. Traditionell ist die Region „Schida Kartli“, für die nun der Ausdruck „Südossetien“ gebraucht wird, „Kerngeorgien“. Es steht den verantwortlichen Journalisten frei, im klar ausgewiesenen Kommentar, den Georgiern den Verzicht auf diese Region nahe zu legen. Hier wird aber mit einer schleichenden Bedeutungsverschiebung der medialen Propaganda Russlands Vorschub geleistet. Wir möchten davon ausgehen, dass dies Herrn Strumpf und Frau Gellinek und vielen anderen bundesdeutschen Journalisten nicht bewusst ist. Nichtsdestotrotz müssten sie wissen, dass mit Bezeichnungen Geschichtspolitik betrieben wird. Wir erwarten keineswegs, dass in diesem Zusammenhang in jedem Fall den georgischen Quellen und deren Interpretation gefolgt wird. Ein seriöser Journalismus muss den semantisch umkämpften Charakter dieser Bezeichnungen aber zumindest erwähnen.

Andere, scheinbar unverfängliche Bedeutungsverschiebungen möchten wir an dieser Stelle nicht alle aufführen. Wenn aber Alexander Lomaia, der Sekretär des georgischen Nationalen Sicherheitsrates, nun unbedingt zum „Chef des mächtigen Sicherheitsrates“ avanciert, werden erneut Konnotationen nahegelegt, die zumindest deutlich gemacht werden sollten. Inwiefern ein für die Verteidigung zuständiges Exekutivorgan eines teilweise okkupierten Landes nun gerade „mächtig“ genannt werden muss, ist doch begründungsbedürftig. Dass die zuständigen Journalisten um diese semantischen Problematik wussten, geht aus dem Interview mit der sogenannten Kaukasusexpertin Marietta König hervor, die allerdings nur auf den von beiden Konfliktparteien gerne bemühten „Faschismusvergleich“ aufmerksam machte und damit wieder nur das Argumentationsklischee des Films von den gleichwertigen Streithähnen bediente. Frau König wurde übrigens in kurzer Zeit zu der Expertin des Konflikts, die von den bundesdeutschen Medien wohl vor allem deshalb so gerne frequentiert wurde, weil sie deren scheinbare Äquidistanz zu den Konfliktparteien mit ihren Kommentaren vollauf bediente. Sie ist vor dem Konflikt nicht durch maßgebliche wissenschaftliche Leistungen aufgefallen.

Selbst wenn wir voraussetzen, dass es den ZDF-Journalisten nicht um eine anspruchsvolle historische und semantische Analyse des Georgienkonfliktes ging, was aufgrund der zeitlichen Limitierung des Formats durchaus schwierig ist, bleibt die Vorgehensweise eigentümlich eindimensional. Auch wenn das Ziel lediglich in der Darstellungen der unmittelbaren Kriegsursachen und

-geschehnisse im August besteht, wären beispielsweise folgende Themen unbedingt zu behandeln gewesen:

  1. Die hohe Konzentration russischer Truppen an der georgischen Grenze bereits im Mai/Juni.
  2. Die im Juli durchgeführten Militärübungen (Pressemeldung von 04.07.08 IA REGNUM) in denen Georgien der explizite Gegner war. In diesem Zusammenhang wären auch die Übungen im gesamten Südbezirk und in den nordossetischen Bergen unter der Leitung von General Vladimir Propichev, dem stellvertretenden FSB Direktor zu nennen.
  3. Im Vorfeld hatten bereits 2002 Militärübungen der 58. Armee in Vladikavkaz stattgefunden, potentieller Gegner: Georgien. 2006 führte die gleiche Armee breit angelegte Übungen in Kabardino-Balkarien, Inguschetien, und Nordossetien durch. An den Übungen mit der Name “Kaukaz 2008” nahm die 58. Armee zusammen mit der 76. Division „pskov“ teil. Diese Division ist in Nalchik (Balkarien) stationiert. Nach den Übungen (am 2. August) sind sie in Saramage (hinter Djava) geblieben (Meldungen “Krasnaja Zvezda”).
  4. Unterschiedliche Verlautbarungen offizieller und halboffizieller Stellen, aus denen ein unmittelbar bevorstehendes Eingreifen russischer Truppen im Kaukasus hervorging.
  5. Der Abschuss von drei russischen Drohnen (vor dem Krieg) über Abchasien (im Filmbeitrag werden lediglich georgische Drohnen erwähnt).
  6. Die Hackerangriffe auf georgische Websites.
  7. Die Informationen von Human Rights Watch, wonach die Zerstörungen in Zchinwali erst nach dem georgischen Rückzug stattgefunden haben.

Herr Strumpf und Frau Gellinek fanden es offenbar nicht notwendig, diesen Informationen und Hinweisen nachzugehen. Insofern sind sie nicht einmal den elementarsten Voraussetzungen einer auch nur oberflächlichen Berichterstattung nachgekommen. Es ist trivial, dass die täglichen Nachrichten einer solch komplexen Region wie dem Kaukasus mit einer Vielzahl von Sprachen und Glaubensrichtungen nicht gerecht werden können. Wenn aber die Recherchen immer wieder auf gleiche Art geführt, immer die selben Quellen einseitig benutzt und standardisierte Redewendungen und Sprachregelungen übernommen werden, dann wird ein komplexeres, differenzierteres Bild wohl nie entstehen.

Fast noch schmerzlicher hat uns die Dokumentation von Peter Prestel „Abenteuer Wissen“ berührt. Obwohl sich der Beitrag auf dem scheinbar unverfänglichen Gebiet „Kultur“ bewegt, ist er für den Umgang bundesdeutscher Medien mit Georgien fast noch symptomatischer. Die in den hiesigen Medien als hochaktueller Sensationsfund verkauften archäologischen Entdeckungen altertümlicher Goldminen, die den gesamten vorderorientalischen Raum versorgten, gehen auf Ausgrabungen zurück, die in der Region bereits seit 1958 durchgeführt wurden. In den Jahren 1982/83 wurden die Minen von georgischen Geologen entdeckt. Seit 1997 bestehen Kontakte zum Bochumer Bergbau Museum, mit dem gemeinsame Projekte durchgeführt wurden. Die sensationelle Datierung der Funde des Projekt „Die Goldmine“ stammt von Frau Dr. Irina Gambaschidze. Der im Film als Entdecker dargestellte Bergbau-Archäologe Herr Prof. Thomas Stöllner ist einer der Mitarbeiter des Projekts, der zunächst mit Skepsis in das Projekt eingestiegen ist und die Datierung der georgischen Kollegen bis vor kurzen nicht geteilt hat.

Offenbar darf die georgische Politik und Kultur nur in einer bestimmten medialen Vermittlung durch bundesdeutsche Medien existieren, so wie sie zu sowjetischen Zeiten nur in der prismatischen Brechung durch die russische Sprache und Kultur in die Weltöffentlichkeit gelangte. Offenbar ist Georgien nur als exotischer Gegenstand interessant, der sich eilfertig in eine bestimmte Weltordnung einzuordnen hat. Der harte Überlebenskampf der Georgier und ihre kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen sind dabei sekundär. Die deutschen Medien geben sich gerne den Anschein, ein ehrlicher Makler, ein objektiver Faktor zwischen Ost und West zu sein. Die beiden Sendungen des ZDF sprechen eine andere Sprache.

Wir waren immer der Auffassung, dass europäische Politik im 21. Jahrhundert wesentlich Kulturpolitik im weitesten Sinne sein sollte. Kultur ist eine Möglichkeit, auch die oben angesprochenen politischen Krisen besser zu verstehen. Ohne Berücksichtigung der kulturelle Eigenarten werden politische Entscheidungen kaum erfolgreich sein können. Die Medien sollten gerade in diesem Bereich ihre große Verantwortung für eine Verständigung der Kulturen wahrnehmen und helfen, die gemeinsamen europäischen Wurzeln zu entdecken. Eine kulturelle Enteignung der Osteuropäer durch die Westeuropäer dient diesem Ziel wohl kaum. Ein vordergründiger Sensationsjournalismus kann hier viel Vertrauen zerstören und auch politisch problematische Folgen haben. Eine Zusammenarbeit auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte ist doch nahezu die einzige Chance, die moderne Krise gemeinsam zu überwinden. Hierzu soll doch die Gesellschaft ihre Kräfte mobilisieren. Und doch eine zentrale Aufgabe der Medien, gesellschaftliche Prozesse in diese Richtung zu lenken.