Freitag, 7. Oktober 2011

Bidsina Iwanischwili – ein moderner Graf von Monte Christo und Saint-Simon?

von Dr. Frank Tremmel



Wenn Alexandre Dumas heute nach 150 Jahren erneut Tbilissi besuchen würde, dann hätte er wieder Grund zum Staunen. Wie er seinerzeit von dem von Antonio Scuderi 1851 fertiggestellten „Feenpalast“ der Oper schwärmte, so könnte er heute ein an den Hängen der Stadt gelegenes neues Wunderwerk preisen. Oberhalb des Stadtteils Sololaki erhebt sich dort seit Beginn des 21. Jahrhunderts, umgeben von Parkanlagen, einem künstlichen Wasserfall und einem See, ein futuristisches Schloss aus Stahl und Glas. Es handelt sich um das Geschäftszentrum des aus Imeretien stammenden Großunternehmers Bidsina Iwanischwili, dessen Reichtum legendär zu sein scheint. Kaum jemand hat ihn je zu Gesicht bekommen. Es gibt bislang nur wenige Fotografien von ihm. Heimgekehrt aus Russland lebte er seither die meiste Zeit zurückgezogen in seinem Heimatdorf Tschorwila. Bekannt wurde er in Georgien durch seine nahezu grenzenlose Wohltätigkeit. Kaum ein größeres Bau- oder Restaurationsprojekt, das nicht durch ihn unterstützt wird, kaum eine soziale oder kulturelle Initiative, die sich nicht seinem Mäzenatentum verdankt . Die Mehrzahl seiner Leistungen erfolgt anonym – ein wahrer Graf von Monte Christo. Dumas hätte bei seiner Wiederkehr allen Grund, in ihm eine leibhaftige Auferstehung seiner berühmten Romanfigur zu sehen. Es darf vermutet werden, dass Iwanischwili seit langem eine sozialpolitische Größe ist, ohne die sein Heimatland in noch weit größerer Armut versunken wäre. Über politische Ziele und Überzeugungen dieses Mannes wurde bislang nichts bekannt. Seine Philanthropie schien unpolitisch zu sein. Den in Georgien herrschenden Gruppen und ihrer neoliberalen Ideologie kam das lange Zeit gelegen. Sie schmückten sich mit Iwanischwilis Leistungen, während sie das Land in die kalte Starre ihres gnadenlosen Konkurrenzsystems führten. Er kompensierte ihre Herzlosigkeit und blieb im Hintergrund. Zugleich verhöhnten sie Iwanischwili für seinen vermeintlich idealistischen Sozialismus. Aber am 5. Oktober 2011 trat der georgische Graf von Monte Christo zum ersten Mal aus dem Dunkel und ließ seinen Eintritt in die georgische Politik verlautbaren. Die Welle der erregten Mutmaßungen ebbt seit dem nicht mehr ab. Was bewegt diesen Mann, der das monopolistische Herrschaftssystem des Michail Saakaschwili infrage stellt und der die gesunden Kräfte der Opposition zusammenführen will?

Die etablierten Kreise in Tbilissi, nahezu sämtlich an fremden Tröpfen hängend, beginnen bereits ihr Gift zu verspritzen. Die nihilistische Linke misstraut dem Bourgeois, das selbsternannte Kulturbürgertum verachtet den Parvenü, die Nationalisten munkeln über Iwanischwilis russischen Reichtum, die Neoliberalen bespötteln seinen Altruismus, aber unter der aufgewühlten Oberfläche gärt es. Im Volk und unter den kreativen Kräften der Intelligentsija werden Hoffnungen wach. Ist dieser Graf von Monte Christo vielleicht auch ein neuer Comte de Saint-Simon, der die produktiven Kräfte Georgiens vereinen und eine Reorganisation der Gesellschaft einleiten will? Immerhin soll er alles Französische sehr schätzen. Warum also nicht auch die Visionen eines Mannes, der an der Seite des Marquis de Lafayette die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung unterstützte und uns zusammen mit Robert Owen und Charles Fourier die Prospektion einer kooperativen Gesellschaft schenkte? Es geht in Georgien und anderswo heute nicht um Ideologien oder einen neuen Personenkult. Es geht darum, dass es eines Katalysators bedarf, an dem der Funke entzündet wird, der schließlich den eingefrorenen Enthusiasmus der Georgier aufzutauen vermag. So wie sich sowohl George Sand, Franz Liszt, Alexandre Dumas, Victor Hugo und Heinrich Heine als auch Auguste Comte und die diversen Soziologen der modernen Industriegesellschaft von einem Bonvivant und europäischen Enthusiasten inspirieren ließen, so bedarf auch das georgische Volk, erstarrt und offenbar grenzenlos belastbar, eines Impulses, der nicht von der Misere seines Alltags infiziert ist. Der französische Biophysiker und Philosoph Pierre Lecomte du Noüy war der Überzeugung, dass es niemals einen Fortschritt gegeben hätte, wenn man sich nach dem sogenannten gesunden Menschenverstand gerichtet hätte. Dies gilt umso mehr, als sich der gesunde Menschenverstand nur allzu oft als krank erweist. Nur eine gewisse Freiheit von den Nöten, den Wirren und Irrungen der georgischen Mehrheitsgesellschaft verspricht einen kreativen Neuanfang. In dieser Hinsicht immerhin bringt der Mann in seinem gläsernen Schloss über dem Hexenkessel Tbilissi die notwendigen Voraussetzungen mit. Er verfügt über offenbar unerhörte materielle Ressourcen und gehört zu keiner der Cliquen und Familien, die das georgische Leben dominieren, untereinander hoffnunglos zerstritten und dennoch inzestuös verbunden sind.

Der Graf von Saint-Simon träumte von einer kulturellen Meritokratie in einer brüderlichen Gesellschaft. Bis heute streiten sich die Konservativen, die Liberalen und die Sozialisten um sein Erbe. Demokratisierung kann im Bereich des Kulturellen nicht in einer verfehlten Egalisierung bestehen, sondern nur in der Freisetzung der Fähigkeit zum kreativen Denken. Dazu sind, seien wir realistisch, vermutlich nur zwei oder drei Prozent der Bevölkerung wirklich imstande. Gegenwärtig wird dieses Potenzial, traditionell eine der großen Ressourcen des kleinen Georgiens, nicht einmal ansatzweise genutzt. Die neoliberalen Reformen der gegenwärtigen Regierung, aber auch der populistische Egalitarismus von Teilen der Opposition zielen eher auf die Zerstörung dieses Reservoirs als auf seine Förderung. Die Begabungen gelangen nicht in jene Positionen der Gesellschaft, in denen sie zur schöpferischen Weiterentwicklung wirksam werden könnten. Wenn Bidzina Iwanischwili eine echte Demokratisierung der georgischen Gesellschaft fördern will, dann müssen seine Anstrengungen auf eine Kulturpolitik gerichtet sein, die diese Situation grundlegend ändert. Ein solches aristokratisches und zugleich sozialistisches Projekt kann heutzutage nur jemand vorantreiben, der finanziell und ideologisch unabhängig ist. Wer sonst außer Iwanischwili könnte das zurzeit sein? Es geht immerhin um nicht viel weniger als um die Quadratur des Kreises. Saint-Simon und seine Nachfolger lehrten das französische Volk eine Weisheit, die in einem Sprichwort sehr schön zum Ausdruck kommt: „Gouverner c'est prévoir.“ Die Kunst des Regierens ist die Kunst des Voraussehens. Dazu ist der Mensch konstitutionell nur schwer imstande. In der georgischen Gesellschaft, die seit langem von der Hand in den Mund leben muss, prägt sich diese Fähigkeit noch schwerer aus. Nur eine Entlastung vom Alltag und eine Vernetzung der kreativen Intelligenz der georgischen Kultur kann dies ändern. Iwanischwili hat die Möglichkeiten dazu. Wenn er Ambitionen hat, sie in dieser Hinsicht zu nutzen, wäre das nur zu begrüßen. Saint-Simon antizipierte die moderne Wissensgesellschaft, die sich auf der Grundlage einer kooperativen Ökonomie entfalten sollte. Insofern gehörte er zu den Visionären einer von kulturellen Werten bestimmten postindustriellen Gesellschaft und war mit seinen Prospektionen ein Vorläufer Gaston Bergers, Pierre Bertauxs, Jean Fourastiés und Bertand de Jouvenels. Seine im Übergang zum 19. Jahrhundert gigantomanisch anmutenden Projekte zur Förderung des Weltverkehrs, beispielsweise sein Engagement für den Bau des Panama- und des Suezkanals, wurden damals nicht verstanden. Saint-Simon war ein früher Apostel der Kommunikationsgesellschaft. Nur die avanciertesten Produktivkräfte können weitere Kreativität freisetzen.

Wenn wir Jeremy Rifkin, ebenfalls einer der Saint-Simonisten des 21. Jahrhunderts, trauen, dann entstehen diese neuen Produktivkräfte heute aus einer Verbindung von Internet-Kommunikation und erneuerbaren Energien. In einem Land, in dem nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet haben, in dem aber im Jahresdurchschnitt 5,4 Stunden am Tag die Sonne scheint , gäbe es immense Aufgaben für eine moderne Kultur- und Kommunikationspolitik. Es bedarf aber nicht nur der horizontalen Verbreiterung der Kommunikation, sondern auch der Wiederherstellung der Verbindung zur vitalen Tiefendimension der georgischen Kultur. Die Sonne ist nicht nur eine technologisch nutzbare Energiequelle, sondern auch, wie Grigol Robakidse einmal schrieb, ein Inbegriff des Lebens schlechthin. Jede wesenhafte Erscheinung wurzelt im Licht der Sonne. Wir wissen nichts über die geistig-seelischen Aspirationen Bidsina Iwanischwilis. Es wird gesagt, er sei Materialist und würde nicht an ein Fortleben nach dem Tode glauben. Lieber ein Materialist, der Kirchen baut und das endliche menschliche Leben wertschätzt als ein religiöser Idealist, der den leidenden Menschen für seine Ziele opfert! Immerhin begründete auch Saint-Simon sowohl den radikal diesseitigen Positivismus als auch "Le Nouveau Christianisme". Wenn es Iwanischwili gelänge, die empathischen und enthusiastischen Kräfte der solaren Menschen Georgiens wiederzuerwecken, dann wäre zumindest seine Unsterblichkeit in jedem Fall gesichert. Wir sollten unsere Augen und Ohren offen halten. Edmond Dantès scheint zurückgekehrt zu sein und die Danglars, Mondegos und de Villforts Georgiens werden bereits unruhig. Die nächsten Tage werden mehr Klarheit bringen.

Bildquelle: http://wikimapia.org/p/00/01/94/86/60_big.jpg

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