Sonntag, 4. März 2012

O Tannebaum, o Tannebaum


Dr. Frank Tremmel, Marika Lapauri-Burk

Unsere Gespräche und unser Gedankenaustausch
Hat uns beim Recherchieren auf folgenden Interneteintrag stoßen lassen
Wir laden unsere Leser und Leserinnen ein, sich an diesem Dialog zu beteiligen, den Sie gerne mit uns, aber auch im eigenen Freiundeskreis führen können, Auf diese Weise könnte, so hoffen wir, ein immer facettenreicheres und umfassenderes Bild der globalen Welt enstehen, in dem die Erfahrungen und Erlebnisse von uns allen ihren Raum finden.


MARIKA: Hallöchen,
die zwar teurere, aber wesentlich länger haltbare Art von Weihnachtsbäumen, die man jetzt kaufen kann, heißen ja "Nordmann-Tannen". Warum eigentlich? Hat die jemand namens Nordmann entdeckt oder gezüchtet? :-)
Neugierige Grüße
Peggy

Hallo Peggy!
Betreff: Nordmanntanne
Die Nordmanntanne hat ihren Namen von dem finnischen Botaniker Alexander von Nordmann.
Dieser entdeckte diese Tanne 1832 im Kaukasus.
Gruß Max

Hallo Max!
Du schreibst:
"Die Nordmanntanne hat ihren Namen von dem finnischen Botaniker
Alexander von Nordmann..."
Hast Du irgendwo eine Biographie etc. von Nordmann gefunden? Ich hätte Interesse an dem betreffenden Literaturhinweis (oder Internet-Link). Ich war immer davon ausgegangen, der Nordmann wäre ein Deutscher gewesen.
Ciao, Manfred

Hallo, Manfred,
leider habe ich nur eine Biographie in Schwedisch gefunden http://www.abo.fi/~bwikgren/biologer/Nordmann.htm daraus geht hervor:
Geboren 1803 in Svensksund (Kotka) etc.... (Hier werden wir das Zitieren etwas verkürzen)...
Grüße, Eckhard
Soweit Peggys Anfrage im Internet vom 4. Dezember 2002 unter www.wer-weiss-was.de
Sehr verehrte Gäste, liebe Freunde Georgiens, wir möchten Ihnen heute Abend zum Neuen Jahr nach altem Kalender, der in Georgien noch bis heute gültig ist, eine Kombination aus einer deutschen und einer georgischen Weihnachtsgeschichte als Weltgeschichte vortragen. Unsere Lesung nimmt das alte georgische Neujahr zum Anlass, noch nicht geäußerte Wünsche zum Ausdruck zu bringen. Damit ist der Wunschzettel des abendländischen Jahreswechsels erschöpft. Es gibt jedoch viele ähnliche Geschichten, die vielleicht noch in den kommenden Wochen zum Jahreswechsel nach dem ostasiatischen Kalender die Abende füllen werden.

FRANK:Im Mittelpunkt steht – wie in allen Adventsspielen – die Erwartung der Ankunft Christi, die Parusie, aber wir gehen für Sie einen Umweg.
Auch in unseren Zeiten der Globalisierung suchen wir für Sie nach dem Heilenden, aber nicht in der traditionellen Verkündigung, sondern in den Irrungen und Wirrungen des ost-westlichen Wirtschafts- und Kulturaustauschs.
Dabei ist der Weihnachtsbaum, der am 4. Advent traditionell im Mittelpunkt vieler vorweihnachtlicher Aktivitäten steht, auch der Dreh- und Angelpunkt unsers Spiels, das insofern auch als Prolog zu einem Paradiesspiel verstanden werden kann. Zu dessen Ausstattung gehörte der immergrüne Paradiesbaum, geschmückt mit roten Äpfeln. Auch wir wollen Sie von diesem Baum der Erkenntnis kosten lassen, aber wir wollen Ihnen auch einen Ausblick auf den Lebensbaum geben, der nach biblischer Überlieferung in der Mitte des Paradieses neben dem Baum der Erkenntnis steht. Der Lebensbaum ist es, der schon früh mit dem Kreuzesbaum Christi in Verbindung gebracht wurde. Er ist das Zeichen der Hoffnung auf ewiges Leben. Als Weltenbaum ist er die „axis mundi“, die Weltenachse. Den Tannenbaum, von dem unser Spiel handelt, wollen wir als Sinnbild für die vielen Weltmittelpunkte nehmen, die ihre verborgenen Wurzeln ins Erdreich versenken und deren Äste in den Himmel reichen.



MARIKA: Bäume sind für mich wie die Menschen. Sie keimen, schlagen Wurzeln und wachsen. Sie sind abhängig voneinander. So fern, sind sie auch soziale Wesen. Sie sind wie Völker, - unter ihre Artgenossen alle unterschiedlich.

FRANK:Auf unserer Reise durch Zeit und Raum, durch unsere inneren und äußeren Erfahrungen, konfrontieren wir Sie mit den Sündenfällen und Erkenntnissen unserer moderne Welt, aber wir wollen auch die Hoffnung stärken, dass durch die Geburt Christi die Trennung von Gotteswelt und Menschenwelt wieder aufgehoben werden kann, so wie auch unser Baum in der Erde und im Himmel gleichermaßen zuhause ist. Wir führen Sie durch die ost-westlichen Etiketten, Benennungen und Begriffe und hoffen dennoch, dass das ewige Leben dahinter sichtbar wird.

MARIKA:Als ich 1989 zum Musikstudium nach Deutschland kam, wunderte ich mich sehr, dass alle so einen Wirbel um den Weihnachtsbaum veranstalteten. Überhaupt... alle fragten, wie ich denn Weihnachten verbringen würde und als sie meine natürliche, unbekümmerte Antwort hörten, - „nur so, ich bin zu Hause“ … nun ... zu Hause konnte man noch nicht ganz sagen... ich war noch nicht „zu Hause“. Ich, eine exotische Studentin, das heißt eine aus einem exotischen Land, hatte noch kein Haus, - alle waren tief besorgt, versuchten mich zu trösten und luden mich ein: „Komm, zu uns ... nein, du kannst doch nicht zu Weihnachten alleine bleiben!“

Doch, ich konnte... Ich habe gleich verstanden, wie lieb diese Menschen zu mir waren. Aber stimmt nicht ganz ... Ich habe mehr und mehr verstanden, wie lieb diese Menschen zu mir waren, weil ich immer mehr verstand, was es bedeutete, eine exotische arme Studentin zu Weihnachten nach Hause einzuladen. Übrigens: Ich bin weiterhin sehr, sehr lange Jahren noch exotisch geblieben. Zwar keine Studentin, aber doch ein gerne gesehener exotischer Gast bei verschiedenen Feiern und Partys. Bis ich langsam angefangen habe zu zucken, wenn man mich als Exotin vorgestellt oder angesehen hat. Jetzt habe ich andere Befürchtungen, - mein Titel „Exotisch“ wird mir aberkannt! Man hat uns etwa näher kennengelernt. ....“Ach! aus dem Kaukasus!“, „Ah, aus Georgien!“ - ich denke, - jetzt wird die Sache ernst, sehr ernst!

FRANK:Uns geht es nicht um die Frage nach dem ersten Weihnachtsbaum, nicht darum, ob dieser nun 1419 von der Freiburger Bäckerschaft aufgestellt wurde, ob das Rechnungsbuch der Humanistischen Bibliothek in Schlettstett mit seiner ersten Erwähnung im Jahre 1521 recht hat oder ob der Baum 1539 im Straßburger Münster seine realgeschichtliche Premiere feierte. Dieser Streit um den ersten Baum, der in historischer und – wie wir zeigen werden – geographischer Hinsicht bis heute anhält, ist für uns nur der Hintergrund, vor dem unsere Suche nach dem wahren Christbaum stattfinden wird. Dabei soll uns auch das Diktum des Predigers am Münster zu Straßburg, Johann Conrad Dannhauer, aus der Zeit zwischen 1642 und 1646 nicht vom Weg abbringen, in dem es heißt:
„Unter anderen Lappalien, damit man die alte Weihnachtszeit oft mehr als mit Gottes Wort begehet, ist auch der Weihnachts- oder Tannenbaum, den man zu Hause aufrichtet, denselben mit Puppen und Zucker behängt, und ihn hernach abschüttelt und abblühen (abräumen) lässt. Wo die Gewohnheit herkommt, weiß ich nicht; ist ein Kinderspiel“.


MARIKA:Unser bester Tannenbaumschmuck stammte aus der DDR. Keine Kugeln, sondern Häuser und Figuren, Musikinstrumente, Tiere. Später, in Deutschland, habe ich genau die gesucht, wunderschöner Schmuck aus dem Erzgebirge.
Nur als Kinder haben wir einige Male einen richtigen und großen Baum zum neuen Jahr gehabt. Da waren wir alle stolz, vor allem mein Vater, - dass er so etwas Unübliches für uns zustande gebracht hatte. Es waren nicht viele, die solche Tanne zuhause aufstellen konnten. Wir alle gingen damals oft zu einer öffentlichen Tannenfeier. Das war ein Konzert mit s.G. “Schnee man” -Tovlis babua, Konzert, Geschenke und all dem was Kinder mögen.
Die „Neylon Tannen“ wie man sie nannte, gab es noch nicht. Man schmückte oft irgendeine Zimmerpflanze. Auf dem Lande bei uns in Kakheti war das eine Zitruspflanze, eine Topfpflanze, die mit Süßigkeiten, mit selbstgemachten Gegenständen geschmückt wurde.
Neylon, oder Plastiktannen gab es später. Sie waren begehrt. Ich weiß nicht mehr woher sie kamen, chinesische Produkte gab es ja noch nicht... Plastik war im unserem Haus verpönt und wurde von meiner Mutter abgelehnt. Wir haben die unteren Zweige eines Baumes irgendwo abgeschnitten und an die Wände gehängt.

FRANK:Mit der kurzen Antwort auf Peggys Internetanfrage werden wir auf unserer Suche nach dem universalen Weihnachtsbaum mitten in die alten und neuen Ost-West-Gegensätze hineingeführt. Aus dem spärlichen Hinweis auf eine schwedische Website, den Eckhard Peggy auf ihre Frage noch 2002 gab, ist mittlerweile eine Fülle neuer Beiträge und Kommentare geworden. Alexander von Nordmann, ein westlicher Botaniker, ein neugieriger Forscher, der die Flora des Russischen Zarenreiches erkundete und dabei im Kaukasus ganz beiläufig eine Fichtenart katalogisierte – wie bereits in der Vergangenheit, verbinden sich im Symbol des Weihnachtsbaum die unterschiedlichsten Kulturen, die verschiedenen Regionen der Erde zu einer widersprüchlichen Einheit. So wie Georgien zuweilen als das paradoxe Spiegelbild des Abendlandes bezeichnet wurde, so ist auch die kaukasische Fichte Ausdruck der doppeldeutigen Identität Europas, der vielleicht einzigen Kultur, in der sich das Fremde und das Eigene, das Natürliche und das Reflektierte immer wieder begegnen, ohne zu einer kompakten Identität zu verschmelzen. So wie das Christentum immer ein Stück Orient in der griechischen Kultur der Freiheit bleiben wird, so wie sich im Weihnachtsbaum vorchristliche Bräuche und christliches Erlösungsbedürfnis verbinden, so gehört auch die kaukasische Fichte zu dieser Polyphonie höchst unterschiedlicher Elemente. Europa als Gespräch – diese Vision geriet in den zurückliegenden Jahrhunderten immer wieder in Vergessenheit.



MARIKA:Ich war in Kiel. Das ganze Jahr hatte ich eine grüne Jacke angehabt, die ich mit Bedacht gekauft habe, - im Winter hatte ich sie über dem Pullover angezogen, im Sommer über ein T-Shirt. Ein ganzes Jahr immergrün sein! Ich kann es genau nachvollziehen, was es bedeutet!
Und noch etwas, - die Sonne. Gott sei Dank, dass die Klimaveränderung stattgefunden hat. Ich kann genau, ganz genau vergleichen, - Deutschland Ende der 80-er, Anfang der 90-er, - es schien keine Sonne! Jedenfalls nicht in Kiel und in Lübeck. Um einen Espresso zu trinken, musste man gezielt zu einem Italiener fahren und um einen kleinen Bund Koriander zu erhalten musste man die ganze Stadt durchqueren und ihn für 2 DM (!) beim „Asiaten“ kaufen.
Daher weiß ich auch alles so genau. Es ändert sich vieles und manchmal von heute auf morgen. Ein Wiedersehen gibt es nicht.

FRANK: In einem der ältesten christlichen Länder der Erde, das durch die mediterrane Kultur, das byzantinische Erbe und die mittelalterlichen sozialen Lebensformen mit Europa seit alters her verknüpft war, in diesem verlorengegangenen Teil Europas wird ein Baum entdeckt, der heute als Weihnachtsbaum die westeuropäischen Wohnzimmer schmückt.

Diese eigentümliche Wiederkehr nach Europa erfolgt aber nicht als Einzug des vatikanischen Weihnachtsbaumes auf dem Petersplatz, nicht als Einzug des georgischen Vollmitglieds in das Brüsseler Parlament der Weihnachtsbäume, nein, es kommen Tannenzapfen als Rohprodukte zur Weitervermarktung. Lassen Sie uns einen Blick auf Karl Moser werfen, von seinen Freunden Charly genannt, der sich als Einziger in Deutschland in großem Stil in dem harten Geschäft des internationalen Tannensamenhandels zu behaupten weiß. Charlys Erfahrungen, wie sie im Tagesspiegel vom 24.12.2010 beschrieben werden, sprechen eine deutliche Sprache.

MARIKA:„Seit 1988, da war Georgien noch Sowjetunion, und in deutschen Weihnachtswohnzimmern pieksten noch mehrheitlich Blautannen die Finger. Anfangs kämpfte Moser monatelang für Einreiseerlaubnisse und Sondergenehmigungen. Das wurde nach Perestroika und Mauerfall leichter. Allerdings muss Moser seither um Pflücklizenzen für die Zapfen kämpfen, weil die Regierung in Tiflis erkannt hat, dass damit Geld zu machen ist. Und immer kämpft er mit dem Wetter und den Wegen bis rauf auf 1600 Meter ins Gebirge, steile Wege aus knietiefem Matsch, bezwingbar nur mit Jeep und besten Nerven. Dort oben riskieren Jahr um Jahr georgische Zapfenpflücker ihr Leben, indem sie ohne jede Sicherung in die Bäume steigen, äffchengleich von Ast zu Ast, bis sie in der Krone angekommen sind, in schwankender Höhe, von wo aus sie die geschlossenen Zapfen zur Erde werfen.“

FRANK: Die begehrten Zapfen, die als Basis für die hiesigen Züchtungen verwendet werden, wachsen nur in einer bestimmten Region in den Baumkronen. Diese Lage verursacht eine erhebliche Konkurrenz zwischen den Sammlern und erhöht das Risiko von Arbeitsunfällen.

Georgien, das ursprünglich eng mit Europa verbunden war, dann aus der christlichen Universalgeschichte herausfällt, aber fortwährend den Anschluss an die europäische Entwicklung suchte, bleibt kulturell Terra incognita, während seine Rohstoffe hochwillkommen sind. Im Schicksal der kaukasischen Fichte spiegelt sich erneut das Schicksal Georgiens, wie es sich bereits in der Lebensgeschichte und den Reisen des Priesters und Gelehrten Sulchan-Saba Orbeliani im 18. Jahrhundert abzeichnete. Sabas Vermächtnis und seine Bemühungen sind später oftmals mit denen Ilia Tschavtschavadzes verglichen worden. Sulchan-Saba wirkte in einer Epoche, in der Georgien seine schlimmste Zeit erlebte. In ihm als ideeller Person überlebte die geistige Kultur Georgiens für ein ganzes Jahrhundert, bis sie im Wirken Ilia Tschawtschwadses und seiner Zeitgenossen wieder auferstand. So wie Sulchan-Saba in der Zeit nach dem Zerfall des Byzantinischen Reiches, in der Georgien aus dem Gravitationsfeld der abendländischen Geschichte herausgeschleudert wurde, für sein Volk nach einen neuen Platz im politischen Orbit suchte, so sucht Georgien auch gegenwärtig seine Weltenachse. Dabei macht die heutige georgische Elite ganz ähnliche Erfahrungen wie Sulchan-Saba, der in diplomatischer Mission für seinen König Wachtang VI. Papst Clemens XI. in Rom besuchte und an den Hof König Ludwig XIV. in Versailles reiste. Die Metamorphosen der Weltgeschichte, in denen das christliche Abendland, von dem er träumte, unterging, ließen ihn im Sinne seiner Vision zu spät kommen. Weder der französische König noch der Papst zeigten ernsthaftes Interesse. Das alte christliche Zentrum des abendländischen Daseins zerbrach – es bildeten sich neue Zentren, neue Peripherien und Semiperipherien heraus, in denen Georgien an den Rand geschleudert wurde und seine Menschen als Rohstoff anbieten musste. Georgiens „niemals preiszugebende Liebe zu den Griechen“, dem letzten Vermächtnis Wachtang Gorgassalis, d.h. die Orientierung nach Westen, erwies sich erneut als unerwiderte Liebe.
Aber wo liegt heute überhaupt der Westen? Und wo ist der Orient der Orientierung in dieser Zeit?

MARIKA: In Georgien, dort wo die Tannenzapfen gesammelt werden, in Ratscha und in der Nachbarregion, in Svanetien, werden die traditionellen Musikinstrumente aus Tannenholz gebaut.
So lebt ein Baum in einem Instrument weiter. Diese Musikinstrumente, soweit man sie erforscht hat, sind die ältesten heute in der Praxis noch erhaltenen Instrumente. Im ganzen Kaukasus gab es all diese Instrumenten, nur in Georgien sind sie bis heute erhalten geblieben. Changi , ein harfenartiges Instrument, Panduri, ein Saiteninstrument, Chunuri (in Ratscha heißt es Chianuri) ein Streichinstrument. Ebani gibt es nicht mehr. Das kennt man nur noch aus Beschreibungen. Die Namen von diesen Instrumenten deuten auf eine Herkunft aus den sumerischen Sprachen. Eine Bronzefigur gefunden in Kazbegi, der Mann mit der Harfe stammt aus dem 6. Jahrhundert. In diesen Regionen werden die Instrumente für Totenrituale eingesetzt. Vor der Beerdigung sitzt ein Harfenspieler und besingt den Verstorbenen. Er erwähnt alle aus der Familie, die schon im Jenseits sind. Ein anderer Brauch ist bis heute lebendig, - wenn jemand verunglückt ist, in eine tiefe Schlucht gestürzt ist oder in einem ....Bergfluss ertrunken ist, durch eine Lawine umgekommen ist, geht man, das Instrument spielend, ihn suchen und da wo das Instrument verstummt, soll der Leiche zu finden sein.

FRANK: Wenn ein Forscher aus dem in der Geschichte verbliebenen Europa einen Baum entdeckt, der heute von der westlichen Werbung als echter oder originaler Weihnachtsbaum gepriesen wird, so stellt sich die Frage: Ist das Ironie der Geschichte oder vielleicht eher ein Hinweis darauf, dass unser westlicher Universalismus so universal nicht ist? In einem Werbespot informiert uns die Tanne selbst unter der Überschrift Christbaum Tradition – Nordmann-Original:

MARIKA:„Mich gibt s schon seit vielen Tausend Jahren. Meine Heimat ist der Kaukasus. Wo mich vor ungefähr 150 Jahren ein netter Botaniker entdeckt hat, der aus dem hohen Norden kam und witzigerweise Nordmann hieß. Er hat mir seinen Namen gegeben – ich finde, der passt gut zu mir. Weil ich wirklich ganz echt bin, bin ein original Nordmann. Und ziemlich stolz...“

FRANK:Die westliche „Entdeckung“ des Baumes fällt in eine Epoche der von Europa ausgehenden Expansion und industriellen Umformung unseres Sterns, in der sich naturwissenschaftlicher Forscherdrang mit immenser Bedürfnissteigerung und Raumerweiterung verbindet. Es ist die Zeit, in der die British East India Company die Fürstentümer des indischen Subkontinent unterwarf, Georgien durch das sogenannte „Georgievski Traktat“ 1801 seine Unabhängigkeit an das Zarenreich verlor, die russische Eroberung von Nord-Aserbaidschan begann und kurze Zeit darauf die Engländer und Franzosen in den Opiumkriegen die wirtschaftliche Öffnung Chinas erzwingen. Es ist die Zeit, in der nun auch verstärkt wissenschaftliche Expeditionen unternommen werden. Es waren zunächst deutsche Forscher wie Jacob Reinegg, Julius von Klaproth und August Franz von Haxthausen , die noch vor den Kaufleuten der East India Company, oftmals im Auftrag des Zaren, in den Kaukasus reisten, um Mineralien, Pflanzen, Tiere und die menschlichen Kulturen und Sprachen zu kartographierten. So erging es auch der kaukasischen Fichte.
Ihr Weg von der kartographischen Erfassung zum patentierten brand war vorgezeichnet. Die industrielle Reproduktion des Originals ist heute sichergestellt. Die Originalität ist einem strengen Qualitätsmanagement unterworden worden, über das unter anderem das größte Weihnachtsbaumforschungsinstitut Europas in Dänemark wacht. Wichtig ist die ständige Verfügbarkeit für die Verbraucher auf den expandierenden Märkten der Welt, zu Land und zu Wasser. Dies dokumentiert ein Auschnitt aus der Werbung der Firma “Nordmann-Original”:

MARIKA:Der Weihnachtsbaum im Kühlschrank
Weihnachtstraditionen sind stark. Sie führen ein Eigenleben und lassen sich nicht so einfach von widrigen Umständen unterkriegen. Werden Menschen durch ihren Beruf gezwungen, während der Weihnachtstage fern der Heimat zu sein, entstehen die abenteuerlichsten Ideen, um das Fest dennoch würdig begehen zu können.

Besonders Seeleute trifft es hart – sie sind Weihnachten häufig auf hoher See und damit nicht mit ihrer Familie zusammen. So feiern echte Nordmänner in der Südsee, Phillippinos im kalten Atlantik. Doch dass die Stimmung nicht zu kurz kommt, dafür sorgt die Mannschaft schon im Vorwege. So hat zum Beispiel der 334 Meter lange Containerfrachter „Ever Conquest“ seinen Tannenbaum mit dem Lebensmittelvorrat für zwei Monate zusammen im Kühlraum. Dort hat die kleine Tanne bereits Eis angesetzt und harrt ihrem Einsatz zu Weihnachten. Die „Ever Conquest“ wird sich dann wahrscheinlich im Suez-Kanal befinden, während die dienstfreie Mannschaft Weihnachtslieder singt und den Heiligen Abend zusammen feiert. Wer keine Tanne im Gefrierschrank hat, muss aber auch nicht traurig sein. Denn seit fünfzehn Jahren veranstaltet das Nordmann-Informationszentrum Mitte Dezember die legendäre Aktion „Ein Tannenbaum für alle Schiffe im Hamburger Hafen“. Dabei wird jedem Schiff, dass Weihnachten nicht im Heimathafen verbringt eine wunderschöne Nordmanntanne vom Weihnachtsmann höchstpersönlich übergeben. Und wenn mal eine beim kräftigen Wurf von Reling zu Reling über Bord fällt, ist meistens ein Schlepper in der Nähe, der das wertvolle Grün wieder aus dem Wasser „fischt“!


FRANK:Alexander von Nordmann entpuppt sich bei näherem Nachforschen tatsächlich als finnischer Naturhistoriker und Botaniker, der 1803 in Svensksund in der Stadt Kotka geboren wurde. Nach seinen Studien in Åbo/Turku, wo er promovierte, und in Berlin wurde er 1832 Lehrer für Naturgeschichte, Zoologie und Botanik am Lyzeum Richelieu in Odessa. Er blieb dort bis 1849. Finnland war bis 1917 als Großfürstentum Teil des Russischen Imperiums und auch Nordmanns Teilnahme an Anatole Demidoff’s Südrußland-Expedition von 1837 bis 1840 diente vor allem der der Entdeckung von Rohstoffen. Demidoff, ein russischer Großindustrieller war der Erbe eines alten russischen Bergbau- und Stahlproduktionsimperium im Ural. Durch seine Forschungen in Südrussland, auf der Krim, in Ungarn, der Walachei und Moldavien sollten geografische, geologische, zoologische, botanische und soziologische Erkenntnisse über die untersuchten Gegenden gewonnen werden, von denen man sich durchaus eine praktischen Nutzen versprach. Lediglich die Tatsache, dass das Unternehmen von Paris aus geleitet wurde, erregte den Unmut des Zaren. Die Abies nordmanniana, d.h. die standardsprachliche Nordmanntanne, verdankt ihre sogenannte „Entdeckung“ nahe Borjormi in Georgien 1838 insofern durchaus den merkantilen Interessen des Russischen Reiches und seiner westlichen Geldgeber. Ähnliches können wir getrost auch für die von Nordmann in Odessa eingerichtete Abteilung für Seidenraupenzucht an der von ihm gegründeten Hochschule für Gartenbau vermuten.

MARIKA:Wir wollten dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum mehr kaufen. Robin, ist jetzt 14 und in der Pubertät. Er mag und möchte nichts. Tür zu. Keinen schönen Weihnachtsschmuck, den wir seit Jahren sorgfältig jedes Jahr nachgekauft haben.

FRANK:Die Beschreibung des Naturforschers Nordmann wird also zum Startsignal für diverse Begehrlichkeiten, die zu Ost-West-(Miss-) Verständnissen führen. Auf dem Weg von der unberührten Natur zum industriell reproduzierbaren Kulturgut erfuhren wir, wie die Tanne aus Georgien zu einem globalisierten Objekt der Forschung und der ökonomischen Verwertung wurde. Der Baum wird in den unterschiedlichen Aneignungsstrategien als kulturelles, ökonomisches und politisches Objekt im Ost-Westaustausch überhaupt erst konstruiert. Dieser Prozess geht soweit, dass diese Art von Fichte am Ende sogar geklont wird. Selbstverständlich darf über den Anstrengungen um die industrielle Reproduzierbarkeit das Originale, das Archetypische des Weihnachtsbaums nicht verloren gehen. So sagt die Tanne aus dem Werbespot:

MARIKA:„Das wichtigste sind meine Gene...“ – Versteht mich jetzt nicht falsch: Ich bin durch und durch natürlich – mit Gentechnik oder Genmanipulation habe ich nichts zu tun. Ist auch gar nicht nötig, denn ich bin von Natur aus besonders gut gelungen. Und deshalb darf ich mich auch original Nordmann nennen, weil ich wirklich original bin...“

FRANK:Die Frage nach der Essenz des Baumes – gleichsam contrafaktisch und ironisch gebrochen – stellt sich also doch immer wieder neu. Gibt es den wahren, den substantiell echten Baum und wo ist es zu suchen? Durch die perspektivischen Erschließungen und Verfremdungen des Baumes scheint auch die unerfüllte Sehnsucht nach dem authentischen und christlichen Lebens hindurch.
Eine enorme ökonomische und wissenschaftliche Daseinserweiterung geht einher mit kulturellem Provinzialismus. Anstelle eines wirklichen Weltenbaumes tritt die industrielle Reproduktion und Globalisierung unserer westlichen Etikettierungen.

So wie die kaukasische Fichte in einem botanischen Institut in Odessa kulturgeschichtlich zunächst nur als Nordmanntanne existierte, so konnte Georgien nur unter der Herrschaft des Russischen Imperiums eine eingeschränkte europäische Bedeutsamkeit behalten. Die Vereinheitlichung der Welt lässt das Bildnis des Weltenbaumes in tausende von Scherben zerspringen.
Vielleicht erweist sich die Suche nach dem einen Weltenbaum, dem einen Stern, um den Georgien seine Umlaufbahn zieht, aber gerade als vergeblich. So wie die Welt heute insesamt keine eindeutigen Orientierungspunkte mehr kennt, so wird auch in Georgien über eine Vielfalt neuer Modelle diskutiert: Gestern die Schweiz und Singapur, heute die USA, morgen Hong Kong und Dubai. Auch die Zentren, die politischen wie die der Tannenbaumverwertung, sind heute nicht mehr an ständigen Satelliten interessiert. Wie heißt es im Berliner Tagesspiegel vom 24ten:„Die politische Lage ist am Rande auch Thema in Ministerien und Laboratorien. Abhängigkeiten von einem Land, unsicher wie Georgien, sollen vermieden werden. Auch wenn es nur um Weihnachtsbäume geht.“


MARIKA:Über Weihnachtsbäume und das Zapfen-Geschäft zwischen Georgien und Deutschland war ich damals schon im Bilde. Als ich nach Georgien flog, diese erste Reisen ins verdunkelte Georgien waren besonders... In der Maschine saßen wir zu dritt oder zu zweit… still... ich werde dieses komisches Gefühl nicht vergessen, und so eine besondere Anspannung in Aussicht auf das Wiedersehen, - langsam habe ich auch verstanden, - es gibt kein Wiedersehen. Ein unbeschreibliches Gefühl vor der Landung des Flugzeugs – nun mit schwer erkämpftem Ticket in der randvollen Maschine – ich möchte eigentlich nicht aussteigen.

Ich will es nicht benennen, aber – sei jetzt ehrlich MARIKA, - es ist doch Angst. Du hast Angst, etwas nicht wiederzusehen. Es ist Angst davor, etwas zu sehen. Jede Kleinigkeit, ja, sogar ein Mülleimer, der beim letzten Hinfliegen nicht in der Halle stand, - ist für mich eine Rettung! Sie können es nicht glauben, aber das ist die Wahrheit!
Ich sagte Zapfengeschäft… wenn man zu dritt oder zu zweit fliegt erfährt man auch, dass die Zapfen transportiert werden. Weil ich im Norden lebte, wusste ich auch von dem seltenen georgischen Geschäftsmann, der hier die Zapfen lieferte. Mit einem besonderen Ton in der Stimme sagte man mir auch, - „Das ist einzige Exportware zur Zeit für uns! Was denkst Du, wem gehört diese Business?“ Als Antwort mache ich nur ein schlaues Gesicht und wir wechseln das Thema.

FRANK:Eines ist immerhin gewiß in unserer wechselhaften multipolaren Welt: Der Weihnachtsbaum hat seinen Siegeszug um die Welt angetreten. Er wurde kommerziell tatsächlich zum Weltenbaum schlechthin. Vor allem die Nordmanntanne wird verstärkt ins Ausland exportiert. So fliegt die Lufthansa bereits Bäume nach Abu Dhabi und Dubai. In Kühlcontainern werden frisch geschlagene Weihnachtsbäume sogar bis nach China verschifft. Die Ware wird inzwischen knapp. Die Meterpreise liegen mittlerweile bei rund 20 Euro für gutgewachsene Nordmanntannen. Die 88 Prozent der Deutschen, die sich einen Weihnachtsbaum in die Wohnung stellen, müssen sich auf steigende Preise einstellen. Aber auch in diesem Jahr wurden, nach Schätzung des Verbands der Deutschen Holzindustrie, nahezu 500 Millionen Euro für diesen Brauch ausgeben. Die vielzitierte Binnennachfrage ist offenbar kein Problem. Rund 70 Prozent der verkauften Bäume sind nach Angaben der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) heimische Gewächse, der Rest wird hauptsächlich aus Dänemark importiert. Allein rund 38.000 Hektar Plantagen für Christbäume gibt es in Deutschland – 7500 Bäume pro Hektar Aber auch in Zeiten der industriellen Reproduktion des Lebensbaumes erfüllen nur 50 bis 60 Prozent der Bäume die strengen Qualitätskriterien. Auch der Mehrbedarf an Arbeitskraft wir ost-west-übergreifend beschafft. Saisonkräfte aus Polen sichern das Weihnachtsgeschäft. Kompetente Hilfe für die Düngung kommt aus dem Land des Weihnachtsbaumforschungsinstitutes. Die Dänen helfen auf der Grundlage neuester Forschungsergebnisse bei der fachgerechten Düngung. Als Optimum erwiesen sich 70 Kilogramm Stickstoff pro Hektar und Jahr, das in Dänemark sogar gesetzlich sanktioniert wurde. Im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung ist das weiterverarbeitete Spezialprodukt Nordmanntanne eine große Chance für kleine Länder. Dänemark ist Exporteuropameister von Tannen. Rund zehn Millionen Bäume und 35.000 Tonnen Tannenzweige führt Dänemark jedes Jahr in andere europäische Länder aus, vor allem nach Deutschland. 95 Prozent der exportierten Bäume sind die begehrten Nordmann-Tannen. Allein für das vergangene Jahr dürften die 4000 dänischen Weihnachtsbaumzüchter insgesamt 148 Millionen Euro Umsatz realisiert haben. Diese Zahlen verdeutlichen die enorme wirtschaftliche Bedeutung der Samen aus dem Kaukasus. Die globale ökonomische Verwertung der kaukasischen Fichte könnte zum biopolitischen Einflussfaktor werden. So berichteten die Fuldaer Nachrichten vom 3. Januar 2009 Interessantes aus dem Biosphärenreservat Rhön. Dort wird versucht, den Gästen aus Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Türkei, Iran und aus Russland nahezulegen, ihren Genpool an Biodiversität als Raumordnungsinstrumentarium zu nutzen. Die Nordmanntanne ist dabei nur ein Aspekt der zukünftigen biostrategischen Bedeutung des Kaukasus. Heinrich Schmauder vom Bundesamt für Naturschutz führte aus:„Der Kaukasus ist aus unserer Sicht ein Gen-Pool, wenn es um die Welternährung der Zukunft geht. Allein in Georgien gedeihen noch über 20 Weizensorten. Leider sind die politischen Rahmenbedingungen sehr schwierig. Wir haben in dieser Gruppe ja sogar Vertreter aus Ländern, die sich teilweise kriegerisch gegenüber stehen. Deshalb könnte aus unserer Sicht die Ausweisung Länder übergreifender Nationalparke oder Biosphärenreservate dazu beitragen, sich auch politisch wieder anzunähern. Georgien, Armenien, Aserbaidschan, der Iran und die Türkei sind wahre,Hot-Spots' der Biodiversität."

MARIKA:Ich kann genau erinnern, als es die ersten Nordmann Tannen in Deutschland zu kaufen gab neben pieksenden Fichten, die ihre picksenden Nadeln unverschämter Weise bereits innerhalb von 2 Tagen verloren. Deutsche Weihnachten wurden für mich meine erste methodische Einübung in Integration. Ich habe gebacken, Adventskerzen angezündet, selbstgemachte Karten abgeschickt, später mit meinen Sohn riesengroße Knusperhäuser gebacken. Übrigens wurden mit den Jahren daraus Türme, u. a. auch svanetische, weil wir jedes Jahr Dacheinsturzprobleme hatten!)
Nordmann Tannen waren nichts für mein Portemonnaie, - sie waren dreimal so teuer!



FRANK:Nach der Entdeckung durch Alexander von Nordmann und seine Beschreibung ging die kaukasische Fichte den Weg über den wissenschaftlichen Begriff zur ökonomischen Verwertung. Aus einem Baumsamen, dessen besondere Eigenschaften in Ambrolauri durch Waldbrände vor 150 Jahren zustande kamen wurde zunächst die botanisch erfasste Nordmanntanne und am Ende der in industrieller Massenzüchtung hergestellte „Original Weihnachtsbaum“ als brand. Aber lassen Sie uns nicht zynisch werden: Der Weg vom Leben zur baren Münze steht unter einer Idee, ohne die der gesamte Prozess sinnlos würde: Dem Christbaum als wahrer Mitte der Welt. Selbst zum Kitsch geronnen vermittelt diese Idee doch den gesamten Weltprozess des Tannenbaumgeschäfts. Auch wenn aus dem Weltenbaum ein Massenkonsumgut mit maximal 14tägiger Lebenserwartung wurde, dass anschließend von der kommunalen Stadtreinigung kostenfrei entsorgt wird – so bleibt doch selbst noch der Schmerz über die tausende von Baumleichen auf unseren Straßen nur durch den Glauben verstehbar. Im Hintergrund wird die Frage nach der Essenz des Baumes – gleichsam kontrafaktisch und ironisch gebrochen – immer wieder gestellt. Gibt es den wahren, den substantiell echten Baum? Durch die perspektivischen Erschließungen und Verfremdungen des Baumes scheint die unerfüllte Sehnsucht nach dem authentischen und christlichen Lebens hindurch. Das Opfer der Tanne, ihr alljährliches Golgatha zu Weihnachten, ist Ironie und Parusie zugleich. Nochmals die Tanne im Werbespot:„Das Weihnachtsfest ist der Höhepunkt im Leben eines jeden Weihnachtsbaums. Wir stehen herrlich geschmückt im Mittelpunkt – alle schauen auf uns und freuen sich. Es werden Lieder gesungen, schöne Geschenke liegen uns zu Füßen und alle sind glücklich. Ich auch: Frohe Weihnachten...“

MARIKA: Wir wollten dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum mehr kaufen. Ich ging nur zum Weihnachtsbazar, um mir die Sachen anzuschauen und zu fotografieren. Es schneite so schön! Ich stand und beobachtete einen alten Mann mit einem weißen Bart, der Nordmanntannen verkaufte. Auf dem großen Werbeplakat steht: Nordmann 12,50 Euro!


Er sah aus wie aus dem Film, - ein netter Weihnachtsmann! Ich beobachtete dass alle Bäume viel teuer waren als 12,50 Euro. Ich fragte nach und er war im Gespräch genauso nett wie er aussah. Er hat alles erzählt über die Vorteile von Nordmann Tannen, die ich ja ohnehin schon längst kannte. Jetzt weißt das sogar unsere Internet-Peggy. Es war trotzdem schön, sich mit ihm zu unterhalten. Er sagte, für 12 Euro wären die kleinen Bäume zu bekommen, die schon am ersten Tag alle verkauft wurden. „Solche kleinen“ – sagte er und zeigte auf „meinen Baum“. –„und was ist hiermit?“ – fragte ich und sah in der Ecke einen mit Zweigen und irgendwelchen Restschnitten zusammengeworfenen Baum. „Das ist Müll, das wird weggeschmissen, der ist zu unschön gewachsen. Der Förster guckt nicht genau hin... er macht nur das weißen Band rum, als Markierung und die Arbeiter fällen dann solche Bäume auch mit“.


Mir traten die Tränen in die Augen. „Ich nehme das“ – sagte ich. „Du bist ja so sentimental“ – sagte meine innere Stimme, die mich in solchen Situationen total nervt. „Sie wollen das wirklich haben? Der sieht doch so schlecht aus“. – sagte der Weihnachtsmannverkäufer, der Weihnachtsmann. Er half mir, den Baum ins Auto zu packen und schenkte eine Schokolade. Ich griff nach dem Portmanie und gab ihm einen 5, 00 Euroschein. Ich sagte dabei, - „so viel ist der Wert, bestimmt“, - und fuhr weg. Es war eine schöne Begegnung.

FRANK:Vielleicht ist es kein Zufall, dass Gott seine Schöpfung auf einer Kugel ausgesetzt hat, deren Oberfläche als geometrischer Körper bekanntlich die Menge aller Punkte ist, deren Abstand zum Kugelmittelpunkt einen festen Wert aufweist – und das können wahrlich viele sein. Gott ist offenbar Monist und Pluralist zugleich. Die vielen Punkte, die Vielfalt der Weltmittelpunkte bilden in einer wahrhaft globalen Epoche mit ihrer rasanten Beschleunigung kaum noch stetige Achsen der Orientierung. Wenn unser Baum seine Wurzeln an einem Ort in den Boden versenken will, muss er sich heute wohl am Himmel orientieren. Jede Verdinglichung des Ortes, an dem wir den Paradiesbaum permute, bedeutet schon die Vertreibung aus dem Garten Eden. So ist es auch mit dem georgischen Paradies, diesem Osten im Westen oder Westen im Osten. Lassen wir den berühmten georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili zu Wort kommen:„Wir können sagen, „Osten“ – das ist eine ewige Kindheit der Menschheit, also ihr ewig natürlicher Zustand. Genauso ewig ist das Formale, also der reflektierte Zustand. Um das oben Gesagte zusammenzufassen, werde ich sagen: Wenn wir über Ost und West sprechen, dann ist dass nichts anderes als ein Hinweis auf zwei ewige Momente des menschlichen Daseins. Der Mensch ist entweder westlich oder östlich. Das zu verstehen, ist sehr wichtig, weil wir auf politischer, philosophischer (…) Ebene, dauernd von einem ost-westlichen Widerspruch hören. Aber die Realität, die mit solchen Wörtern zum Ausdruck gebracht wird (selbst wenn dem Sprecher dies nicht bewusst ist), ist keine Geographie, kein Land, sondern ein Hinweis auf diese beiden ewigen Momente des Menschseins. Unsere Seele hat zwei Momente und sie befindet sich immer in dem einen oder dem anderen. Daraus folgt übrigens, dass ein Konflikt zwischen Ost und West unmöglich ist. Es ist logisch unmöglich, dass das eine Element das andere trifft, so wie eine Seite nicht die andere treffen kann. “

MARIKA:Ich brachte den Baum nach Hause. Wir wollten ja dieses Jahr keinen Weihnachtsbaum mehr kaufen. Ich war aber froh jetzt einen zu haben. So einen, den keiner haben wollte. Es war dieses Jahr ungewöhnlich ruhig bei uns, keine übliche Überdosis von Plätzchen und keine Höflichkeiten, keinen Kranz... Wir flogen auch nicht nach Georgien, wie immer mal wieder. Schöne, ruhige und schlichte Tagen. Es schneit draußen. Ich sagte mir, - das ist doch Weihnachten, die Ruhe genießen, zu Hause sein, dabei Freude haben, Musik hören. Diesmal war auch meine innere Stimme gut zu mir. Sie hat mich diesmal nicht genervt und mich nicht zynisch gefragt, - fühlst du dich vergessen? Alleine? Apropos Musik! Ich hörte auf youtube diese Tagen nur orientalische Musik, Tabla, Belldance und all so was. Den ganzen Tag, manches immer wieder. Aziza! Die nenne ich schon „meine Aziza“. Auf Facebook habe ich sie schon mehrfach verlinkt. Sie ist wunderschön! Ich schaue mich um, wiegte mich leicht im Tanzschritt von Aziza mit. Ja! Genau so mache ich das! Ich nehme diese Autokiste von meinem pubertierenden Sohn und damit schmücke ich der Baum! Mit kleinen bunten Autos! Mein Sohn fand das toll! Alle fanden das toll.

Meine innere Stimme kicherte, - „hi, hi.. eine orthodoxe Georgierin, Emigrantin (Das bin ich eigentlich nicht, aber ich wollte mit ihr nicht streiten, lass sie kichern und reden, - habe ich für mich gedacht.) Hi, hi, hi, zu Weihnachten in Deutschland schmückt sie mit den Spielzeugautos den weggeworfenen Baum, den keiner haben will, tanzt dabei einen orientalischen Tanz! Ist ja toll!“ Ich habe sie kichern lassen. Es war einfach schön! Ich brauchte keinen Beifall.

Die in dem Text angegebenen Zahlen und Daten basieren auf unseren Recherchen aus dem Jahre 2010. Der Text ist erschienen in dem fünften Heft des EINblick georgien.

Samstag, 10. Dezember 2011

Ein Kommentar zum dritten Advent 2011

anlässlich eines Interviews vom 30.11.2011 კომენტარი ინტერვიუზე

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“
Paul Watzlawick

Am 29. November 2011 führte eine Journalistin des in Tbilissi ansässigen Fernsehsenders Maestro ein Interview mit Bidsina Iwanischwili. Der Unternehmer, der am 5. Oktober die politische Bühne Georgiens betrat, äußerte sich vor allem zu Fragen der Psychologie, der Psychoanalyse und der Kindererziehung. Diese Ausführungen gingen im anschließenden Skandal um den Sender nahezu vollständig unter oder wurden von einigen Kommentatoren als politisch substanzlos bezeichnet. Wir haben verschiedentlich darauf hingewiesen, dass wir eine Erneuerung und Humanisierung der georgischen Gesellschaft vor allem von einer umfassenden Politik des Menschen (Edgar Morin) erwarten. Im Mittelpunkt einer solchen Kulturpolitik kommt der Erforschung der menschlichen Psyche eine besondere Bedeutung zu. Iwanischwilis Ausführungen zu diesem Thema haben uns daher zu einem Dialog angeregt, von dem wir uns wünschen würden, dass wir ihn mit der gesamten georgischen Gesellschaft in freimütiger und vertrauensvoller Aussprache führen könnten.
2011 წლის 29 ნოემბერს ჟურნალისტ ეკა ბერიძესთან მაესტროს „პირდაპირი საუბრის“ ეთერს სტუმრობდა ბიძინა ივანიშვილი. ბიზნესმენი, რომელიც პოლიტიკურ სარბიელზე 5 ოქტომბერს გამოჩდა, ინტერვიუში შეეხო ფსიქოლოგიას, ფსიქოანალიზსა და ბავშთა აღზრდის საკითხებს. ეს გამონათქვამები შთანთქა მეორე დღეს მაესტროსთან ატეხილმა აურზაურმა, ხოლო ზოგიერთი კომენტატორი ამ გამონათქვამების პოლიტიკური არსის უქონლობას უწუნებდა. სხვადასხვა დროს ავღნიშნავდით, რომ საქართველოს საზოგადოების განახლებას და ჰუმანიზაციას ადამიანების ფართო პოლიტიკურ კონტექსტში გაერთიანებით უნდა ველოდოთ. (ედგრა მორინი) ასეთი კულტურული პოლიტიკის ერთერთ ცენტრალურ წერტილად ადამიანის ფსიქიკის კვლევა განსაკუთრებული მნიშვნელობისაა. ივანიშვილის ხსენებულმა ინტერვიუმ ჩვენს ქვემოდ წარმოდგენილ დიალოგს მისცა ბიძგი, რითაც ვისურვებდით საქართველოს მთლიან საზოგადოებასთან ერთად თავისუფლად და ნდობით ასეთი საუბრის განვითარებას.



Der britische Historiker Arnold Toynbee hatte 1949 in seinem Buch „Kultur am Scheideweg“ auf die „aufsehenerregende Ungleichheit zwischen den menschlichen Errungenschaften auf dem außermenschlichen und denen auf dem seelischen Gebiet“ hingewiesen und für die Wohlfahrt des Menschen die Bedeutung der psychischen Dimension der zivilisatorischen vorangestellt. Mit dieser Diagnose des modernen Zivilisations- und Wirtschaftslebens stand er nicht alleine. Auch georgische Psychologen und Philosophen haben sich dieser Fragen immer wieder angenommen.
ბრიტანელი ინსტორიკოსი არნოლდ ტოინბე 1949 წელს თავის წიგნში „კულტურა გზათა გასაყარზე“ მიუთითებდა “ადამიანის გარეთ, ადამიანური მიღწევებისა და სულიერების სფეროს ჭარბ უთანასწორობაზე”და ცივილაზიის განვითარებაში, მის ცვლილებებში ადამიანის ფსიქიკის განზომილებას მნიშვნელოვანი როლი მიანიჭა. თანამედროვე ცივილიზაციისა და ეკონომიკური ცხოვრების ამ დიაგნოზით ის მარტო არ ყოფილა. ქართველი ფსიქოლოგები და ფილოსოფოსებიც ყოველთვის უბრუნდებოდნენ ამ საკითხებს.
Dmitri Uznadze hat sein ganzes Lebenswerk der engen Verbindung von pädagogischer und psychologischer Anthropologie gewidmet, um so im Rahmen der nationalen Kulturpolitik Georgien einen authentischen und eigenständigen Platz in der modernen Zivilisationsentwicklung zu verschaffen. Es ist umso erstaunlicher, mit welcher Ignoranz zumindest ein nicht unerheblicher Teil der georgischen Öffentlichkeit diesbezügliche Ansichten des vermutlich erfolgreichsten Wirtschaftsorganisators des modernen Georgiens behandelt.
დიმიტრი უზნაძემ მთელი თავისი ნამოღვაწარი პედაგოგიურ და ფსიქოლოგიურ ანტროპოლოგიას მიუძღვნა, იმისათვის, რომ ქართულ ეროვნული კულტური პოლიტიკისათვის ავთენტური და განსაკუთრებული ადგილი მიენიჭებინა თანამედროვე ცივილიზაციის განვითარებაში. ამიტომაც კიდევ უფრო გასაოცარია, თუ როგორი იგნორირებით, ან ქართული საზოგადოების მხოლოდ უმნიშვნელო, ვითომ და წარმატებული ეკონომიკის ორგანიზატორი ნაწილი როგორ ექცევა ამ ნააზრევს.
Neben der teilweise theatralischen Fokussierung auf die Affäre des Senders Maestro und der allgegenwärtigen Angst ist dafür vor allem die einseitig literarische und ästhetische Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie sie in der georgischen Intelligentsija immer noch gepflegt wird, verantwortlich. Diese Wissensform dient einer verfehlten Distinktion, die den Zugang zur geistigen Elite auf unzeitgemäße Weise reguliert.
ტელემაუწყებლობა მაესტროზე ამბებზე ნაწილობრივ თეატრალური ფოკუსირება და გამეფებული შიში, ასევე ქართული ინტელიგენციის მიერ სინამდვილის ცალმხრივი ესთეტურ - ლიტერატურული აღქმაა (რომელსაც ის ჯერ კიდევ იყენებს) პასუხისმგებელი. ცოდნის ეს ფორმა ემსახურება არ არსებულ დისტინქციას, რომელიც სულიერ ელიტასთან დაკავშირებას თანამედროვეობისათვის შეუფერებლად არეგულირებს.
Das ist nicht der „Denkstil der modernen Arbeitsgesellschaft“ (Helmuth Plessner), derer die georgische Gesellschaft so dringend bedarf. Die Entwicklung und Humanisierung der modernen Gesellschaft kann nicht durch intellektuellen Snobismus, esoterisches Literatentum und bildungsbürgerliche Arroganz zustande kommen. Eine solche provinzielle Haltung befördert den Zynismus der gegenwärtig herrschenden Kreise.
ეს არ არის „თანამედროვე მუშა-მოსამსახურე საზოგადოების აზროვნების სტილი“ (ჰელმუტ პლესნერი). რომელსაც საქართველოს საზოგადოება გადაუდებლად საჭიროებს. თანამედროვე საზოგადოების განვითარება და ჰუმანიზაცია ვერ შედგება ინტელექტუალური სნობიზმით, ეზოტერული „ლიტერატურობით“ და განათლებული ბიურგერული აროგანტულობით. ამგვარი პროვინციალური დამოკიდებულები დღეისათვის გაბატონებული წრეების ცინიზმს უწყობს ხელს.
Es handelt sich um eine Mentalität, die nicht nur in Georgien einen substantiellen Beitrag der humanistischen Bildungskultur zur modernen Zivilisationsentwicklung verhindert. Iwanischwili hat – damit durchaus in der humanistischen Tradition – eine objektive Ethik angemahnt, die sich weniger auf ein Sollen als vielmehr auf ein Können bezieht.
საქმე ეხება ისეთ აზროვნებას, რომელისც არა მხოლოდ საქართველოში, თანამედროვე ცივილიზაციის ჰუმანუსტური, განმანათლებლური კულტურის რაიმე მნიშვნელოვნად განვითარებას აფერხებს. ივანიშვილმა ჰუმანური ტრადიციიდან გამომდინარე ეთიკის ობიექტივიზაციას გაუსვა ხაზი, რომელიც უფრო მეტად „შეძლებას“ ეყრდნობა ვიდრე „უნდას“.
Ansätze dazu finden wir bereits bei Aristoteles, bei Spinoza, bei den französischen Moralisten, bei Fourier, bei Nietzsche und eben auch bei Freud, den Iwanischwili besonders hervorhebt. Als Unternehmer bevorzugt er eine Perspektive, die vor allem auf Fähigkeiten und nicht allein auf gute Vorsätze gerichtet ist.
ამ აზრებს ჩვენ ვხედავთ ჯერ კიდევ არისტოტელესთან, სპინოზასთან, ფრანგ მორალისტებთან, ფურიესთან, ნიცშესთან და ასევე ფროიდთან, რომელსაც ივანიშვილი განსაკუთრებით გამოყოფს. როგორც ბიზნესმენი, ის უპირატესობას ანიჭებს უნარებს და არა კარგ დაპირებებს.
Dass eine solche Perspektive im Übergang von einer betriebswirtschaftlichen Beurteilung von Begabungen zu caritativen Projekten und erst recht im Übergang zu einem politischen Projekt erweitert werden muss und neue Fragen aufwirft, hat er mehrfach durchaus selbstkritisch betont. Eine „produktive Orientierung“ (Erich Fromm) folgt im Bereich der Kultur und der Politik nicht der gleichen Logik wie in der Sphäre marktkonformer Bedarfsdeckung.
ის, რომ ასეთი პერსპექტივა უნარების საწარმოო-ეკონომიკური შეფასებებიდან გადასვლა საქველმოქმედო და უფრო მეტად პოლიტიკური პროექტებისაკენ გაფართოებული უნდა იყოს, რაც ახალ შეკითხვებს წარმოშობს, მან არაერთხელ თვითკრიტიკულად აღნიშნა. "ორიენტაცია პროდუქტიულობაზე" (ერიხ ფრომი) კულტურასა და პოლიტიკაში არ მიჰყვება იგივე ლოგიკას, როგორც ამას ბაზრის კონფორმული მოთხოვნილებათა სფერო მოითხოვს.
Dennoch bleibt Iwanischwilis grundsätzliche Perspektive völlig richtig. Eine moderne humanistische Axiologie bedarf der psychologisch-anthropologischen Begründung. „Humanistische Ethik ist die angewandte Wissenschaft von der Kunst des Lebens. Sie beruht auf der theoretischen Wissenschaft des Menschen“ (Erich Fromm).
მიუხედავად ამისა ივანიშვილის ამოსავალი პერპექტივა სავსებით სწორია. თანამედროვე ჰუმანური აქსიოლოგია მოითხოვს ფსოქოლოგიურ-ანტროპოლოგიურ დასაბუთებას. "ჰუმანური ეთიკა გამოყენებითი მეცნიერებაა ცხოვრების ხელოვნებისათვის. ის ეყრდნობა ადამიანების თეორიულ მეცნიერებებს". (ერიხ ფრომი)
Für eine Politik des Menschen ist die Erarbeitung einer Ethik auf anthropologischer Basis unverzichtbar. Sofern Bidsina Iwanischwili sich ebenfalls auf dieser Basis bewegt, sollten wir beginnen, den Dialog mit ihm aufzunehmen, ihm Fragen zu stellen. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein erfolgreicher Wirtschaftsführer mit politischen Ambitionen humanistischen Aspirationen folgt und sich für die Humanwissenschaften interessiert. Marika, wie beurteilst du die entstandene Lage und welchen Stellenwert haben die Aussagen von Bidsina Iwanischwili für dich?
თუ პოლიტიკის გატარება ადამიანებისათვის არის, მაშინ ეთიკის გადამუშავება ანტროპოლოგიურ საფუძვლებზე დაყრდნობით უალტერნატივოა. ამდენად, ის რომ ბიძინა ივანიშვილი ამ საფუძვლებზე დაყრდნობას ცდილობს მასთან დიალოგისაკენ უნდა გვიბიძგებდეს, რომ მას ეს შეკითხვები დავუსვათ. ეს არ არის ყოველდღიურობა, რომ პოლიტიკური ამბიციების მქონე წარმატებული ბიზნესმენი ჰუმანურ მიზნებს ისახავს და ჰუმანური მეცნიერებებით დაინტერესებას გამოხატავს. მარიკა, როგორ შეაფასებდი შენ წარმოშობილ მდგომარეობას და რა ღირებულებები გააჩნია შენთვის ბიძინა ივანიშვილის გამონათქვამებს?
.......
ფრანკ,
შენს შეკითხვას რომ ვუპასუხო, ცოტა უკან უნდა დავბრუნდე, ან უფრო სწორედ რომ ვთქვა, ჩემი დამოკიდებულება ჩამოვაყალიბო. ბოლო ხანებში ჩვენი შეკითხვა იყო , - რა არის ქართული პროექტი? - რომელიც არც თუ ახალია ჩვენთვის, მაგრამ მან უფრო და უფრო მეტი სიმძაფრე შეიძინა. ამ თემას ეძღვნებოდა შენი ბოლო სტატიებიც : „რა სჭირს ქართულ სულიერ ელიტას?“ და „რა არის ქართული პროექტი?“, რომლებშიც გამოთქმულ აზრებს ვიზიარებ.
ამ თემაზე ჩვენ ბევრი გვისაუბრია. ამ საუბრების სხვადსხვა ადგილას გაგრძელება აუცილებელია. ამავე თემებს ეხებოდა ჩემი ბოლო წერილებიც და მთელი ჩვენი საქმიანობა ერთად აღებული.
ბიძინა ივანიშვილის გამოჩენა საჯარო ასპარეზზე ემთხვევა პერიოდს, როდესაც საქართველოში პოლიტიკურ- საზოგადოებრივი პროცესები გარკვეულ კრიტიკულ ზღვრამდე მივიდა. სხვადასხვა ადგილას, ეს ჩვენც გვაქვს აღწერილი (იხ. სტატიები და წერილები) და სულ უფრო ხშირად ისმის ხმამაღალი თუ ჩუმი შეკითხვა, - საით მივდივართ? პასუხები, რომელსაც ხელისუფლება გვთავაზობს დამაჯერებლობა აკლია. ამას თავადაც გრძნობენ და ივანიშვილისავე სიტყვებით რომ ვთქვათ, როგორც მან ინტერვიუში აღნიშნა - „ ერთი სიცრუე იწვევს მეორე სიცრუეს“ და პროპაგანდისტული მანქანა მთელი სიძლიერით არის ამუშავებული. გამოყენებულ პაროლებს და სხვადასხვა პოლიტიკურ გზავნილებს სამწუხაროდ პასუხად ვერ ჩავთვლით. აქ სათქმელი ბევრია, მაგრამ ამ წერილში მხოლოდ ამ მოკლე მინიშნებით შემოვიფარგლები. ჩვენ არ დაგვიკლია მცდელობები არც საჯაროდ, არც ჩვენი საქმიანობით საქართველოს ხელისუფლების ყველა დადებითი ქმედება დაგვენახა და აგღვენიშნა და მისი განვითარების სურვილითა და მხარდაჭერით პირადი ინტერესებიც გვერდზე გადაგვედო.
ივანიშვილის ამ ხსენებულ ინტერვიუზე გამართულ “დისკუსიებში”, მონაწილეობა არ მიმიღია. მინდა ავღნიშნო, რომ მისი პიროვნების გარშემო ატეხილ აურზაურში, თუ რამდენად არის ის “რუსეთიდან მოგზავნილი” არანაირი რელევანტურობა ჩემთვის არ გააჩნია. ეს თემა საერთოდ არ მაინტერესებს. მის გამოჩენამდეც და ახლაც მაინტერესებს საზოგადოების რეფლექციის შესაძლებლობები, კომუნიკაციის უნარი, პრობლემებთან გამკლავების სტრატეგიები, ურთიერთობების კულტურა. როგორც მოსალოდნელი იყო, ამ თემასთან დაკავშირებითაც საზოგადოებრივი პროცესები სავალალოდ განვითარდა და გრძელდება. ცოტას კიდევ დავაზუსტებდი: ჩემს ინტერესს არა ვინმეს პოლიტიკური ზრახვების გამოცნობა წარმოადგენს, არამედ ამ მჭიდროდ დაბანაკებული ადამიანების ჯგუფებში მოდერაცია. ვრჩები კვლავ ჩემს “უპოზიციობაზე”, რის გამოც, მართალია ქართული საზოგადოებიდან გარიყული ავღმოჩდი, მაგრამ არა შიშისაგან ძალაგამოლეული.
ეს “უპოზიციობა” ჩემთვის მეთოდიც არის, სივრცეც. იმდენად კარგად უნდა იცოდე შენი საკუთარი კულტურა, რომ მისი მანევრირება და განზოგადოება ნებისმიერ სივრცეში შეძლო. ეს, რა თქმა უნდა, მუდმივად ამოსახსნელი ამოცანაა, რომელიც ითვალისწინებს გარკვეულ შეთანხმებას, „Die Einheit der Sinne“ (ჰელმუტ პლესნერ) და რომელიც თითოეული ადამიანის ძალისხმევას მოითხოვს,
ქართულ საზოგადოებაში დასადგურებულ შიშს, მთელი თავისი კომპლექსურობით ეგზისტენციალური განზომოლებები აქვს შეძენილი. ამ მოვლენის ძიებისას ან დაკვირვებისას მხოლოდ ხელისუფლების მიერ უფრო და უფრო ავტორიტარულ მეთოდების გამოყენებამდე დაყვანა ჩვენი საზოგადოების მცდარ, ან მთლიანი სურათის ერთერთ ნაწილს დახატავდა. როგორც სხვადასხვა კვლევები ადასტურებენ, (მაგ. საინტერესოა 11 სექტებრის შედეგად ტრამვირებულთა ფსიქოლოგიური კვლევები) შიში ისწავლება და ტვინის ანატომიური ცვლილებების გამოწვევაც შეუძლია. თანამედროვე მეცნიერებები უფრო და უფრო ეყრდნობიან ემოციების მნიშვნელობას. აქ აღარ დავამატებ საკუთარ გამოცდილებებს, როგორ მუსიკოსი და პედაგოგი,და შენი ნებართვით ცოტა პლაკატურად ვიტყოდი მხოლოდ მისანიშნებლად, რომ მუსიკალური სრულყოფისაკენ გზა, (თუ ამ გზის დასაწყის მაინც, საერთოდ იპოვი) შიშებისაგან გათავისუფლებაა. ამ დარგში,- მუსიკაში, შიშების და მათი თანხმლები მოვლენების, განწყობების და თავდაჭერის მნიშვნელობა თვალნათლივია.
„ადამიანების უდიდესი ბედნიერება შიშისაგან გათავისუფლებაა“„Das höchste Glück des Menschen ist die Befreiung von Furcht.“ ამბობს ვალტერ რატენაუ. (Walther Rathenau.) შიშისაგან გასათავისუფლებლად, ისე, როგორც მე რატენაუს ეს გამონათქვამი მესმის, მხოლოდ გულადობა არ გამოდგება, არც სიმართლის თქმა, (რომელიც მუდმივად სხვადასხვანაირია), არც საკუთარ გულწრფელობაზე დაფიცება; - ეს თითოეული კატეგორია შიშისგან გათავისუფლებას სულაც არ გულისხმობს.
სხვადასხვა კულტურული თუ პოლიტიკური ტრამვები, რაც საქართველომ განსაკუთრებით ბოლო ათწლეულებში გადაიტანა, რომ აღარ გავაგრძელოთ ჩვენი ისტორიის მიმოხილვა საუკუნეების მიჯნაზე და 1920 იანი წლები, მანამდე, კიდევ უფრო ადრე დაწყებული დაქუცმაცების პერიოდი, რა თქმა უნდა საზოგადოებაზე ხანგრძლივად აისახება. მე მაინც უფრო ბოლო ათწლეულების ისტორიაზე შევჩერდებოდი ამ საუბრის ფარგლებში, თუნდაც იმიტომ რომ დროის განზომილება თანამედროვე ყოფაში, ტექნოლოგიების განვითარება, ადამიანების ცნობიერებას სხვა ხარისხის გამოწვევების წინაშე აყენებს.
ამოცანების ამოსახსნელად, ალბათ ჯერ საერთოდ მის აღსაქმელად, არა თავისუფლება, არამედ სულ სხვა კატეგორია - სილაღე სჭირდება. ეს უკანასკნელი თავისთავში გულისხმობს დიდ შინაგან პატიოსნებას, სიფრთხილესაც კი. სილაღე არასოდეს არ შეიძლება რაიმეს გვერდით აზიანებდეს, (ამ თემას ნაწილობრივ ეხმაურება ივანიშვილის მიერ ინტერვიუს 22-ე წუთიდან ნახსენები მეზობლის თემა) ლაღად მცოდნენი იქცევიან და ფიქრობენ. ეს ბევრად მეტია, ვიდრე ჩვენეული თავისუფლების გაგება. ეს დაახლოვებით ბერგსონისეული „élan vital“ უნდა იყოს, რომელიც ჩემი აზრით საქართველოს არსებობის, მისი გადარჩენის გასაღებია. ამაზე ლაპარაკობს შესანიშნავად მერაბ მამარდაშვილიც, რომლის ციტირებას ახლა აქ არ მოვყვები.
დღეს საქართველოს საზოგადოებაში კომუნიკაცია დარღვეულია. ბოლო ათწლეულებია სილაღის ყველა ნიშანი ტრასფორმირდა ქილიკად, ე.წ. “ღადაობად”, უხეშობად. სიტყვები “ინკვიზიციის” ქვეშ იმყოფებიან. მოკლედ, არავის არავისი არ ესმის. საუკეთსო შემთახვევაში ერთი და იგივენს, ერთმანეთის ერთი და იგივე ესმით. აქ ჩნდება შეკითხვა: რამ უნდა გააჩინოს საკომუნიკაციოდ დაწმენდილი ენა და როგორ ვითარებაში? ამ კონტექსტში ბიძინა ივანიშვილის ინტერვიუ საინტერესოდ მეჩვენება, რომელიც თავისი ზოგიერთი სუსტი, ან უფრო ვიტყოდი “არა პრაქტუკული” მომენტის მიუხედავად, (ასევე ჟურნალისტის, ეკა ბერიძის მხრიდან) ბევრი იმპულსების მატარებელია, რაზედაც საუბარი ნამდვილად ღირს.
“ასე, პოლიტიკოსი არ საუბრობს”, - ეს ინტერვიუს შესახებ ყველაზე რბილი გამონათქვამი საქართველოს “მომთხოვნი” საზოგადოების, - ღიმილის მომგვრელია და მათ ვკითხავდი მშვიდად, - აბა, როგორ საუბრობს? თქვენ ვინ ხართ პროფესიით? თქვენ რას და როგორ საუბრობთ? მსოფლიოში, რომელი პოლიტიკოსის საუბარი მოგწონთ? დედამიწის რომელ წერტილში არის თქვენთვის მისაღები პოტიტიკოსის საუბარი? რაც შეეხება უხამს გამონათქვამებს, რომელთა შორისაა, ჩემი პოლიტიკოსი მეგობრის გია თორთლაძის მიერ “ავადმყოფად” წოდებული რესპონდენტი ივანიშვილი, გვაჩვენებს მხოლოდ, თუ რა რთული გზა გვაქვს გასავლელი. საიდან დავიწყოთ და რა საშუალებებით?

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Marika,
deine sehr anregenden Gedanken betreffen vor allem – wenn ich dich richtig verstanden habe – das kulturelle Bedeutungsfeld, das unseren politischen Urteilsbildungen zugrundeliegt. Dabei handelt es sich normalerweise um eine gewisse stabile Hintergrunderwartung, einen Bereich gemeinsam geteilter Anschauungen.
მარიკა, შენი მეტად იმპულსების მომცველი ფიქრები ეხება პირველ რიგში - თუ მეს ეს სწორედ გავიგე - კულტურული მნიშვნელობების ველს, რომელიც ჩვენს პოლიტიკურ შემფასებლურ დამოკიდებულებებს აყალიბებს. ჩვეულებრივ, ასეთ შემთხვევაში ეს ეხება სტაბილურ მოლოდინებს, ერთობლივ, თანაზიარ შეხედულებებს.
Dieses Wissen, das unsere Alltagserfahrungen ausdrückt, wird im Deutschen als „gesunder Menschenverstand“ bezeichnet. Dieses „implizite Wissen“ (Michael Polanyi), diese vorbegriffliche Einsicht in bestimmte elementare Zusammenhänge enthält zweifellos ein konservatives Moment, das sich von den Spezialkenntnissen der Fachwissenschaften und der kritischen Verstandestätigkeit durch eine gewisse natürliche Selbstverständlichkeit unterscheidet.
ეს ცოდნა, რომელიც ჩვენს ყოველდღიურობაში ვლინდება, გერმანიში "ჯანმრთელ ადამიანურ აღქმად" იეოდება. ეს "იმპლიციური ცოდნა" (მიხაილ პოლანი), წინასწარი "ტერმინებამდე" გაგების უნარი თავისი ელემენტარული კავშირების დამყარების შესაძლებლობით, უთუოდ შეიცავს გარკვეულ კონსერვატორულ მომენტს, რომელიც მას განასხვავებს სპეციალურ, დარგობრივ და კრიტიკული მიდგომის დამოკიდებულებებისაგან.
Das Urteilsvermögen, das uns diesen Bereich erschließt, ist der „Sensus communis“. Dieser Wissensbereich zeichnet sich als herrschende gesellschaftliche Ansicht durch eine starke Allgemeinheit und einen bestimmten Schematismus der Wahrnehmungen aus. Er kann als solcher die sich wandelnde, vielfältige und reiche Wirklichkeit immer nur partiell erfassen.
შეფასების უნარი, რომელიც ჩვენ ამ სივრცეში მოგვიცავს, არის „Sensus communis". ცოდნის ეს არეალი გამოიკვეთება გაბატონებული საზოგადოების შეხედულებით, რომელიც აღქმების ძლიერი ზოგადოებით და გარკვეული სქემატურობით ხასიათდება. მას ასეთი ცვალებადი, მრავალფეროვანი და მდიდარი სინამდვილე მხოლოდ ნაწილებად შეუძლია.
Dieses Vermögen lässt sich andererseits aber auch als unerschöpfliches praktisches Wissen beschreiben. Schematismus und Komplexität sind im Sensus communis auf eine sehr vielschichtige Weise miteinander verknüpft.
სხვა მხრივ, ეს უნარი შეგვიძლია ასევე ამოუწურავ პრაქტიკულ ცოდნად შევაფასოდ. სქემატურობა და კომპლექსურობა „Sensus communis"-ში მრავაფენოვანი სახით არის ერთმანეთთან დაკავშირებული.
Der deutsche Psychiater Wolfgang Blankenburg (1928-2002) hat am Beispiel der „symptomarmen Schizophrenien“ den pathologischen Zusammenbruch der Verknüpfungsregel beschrieben, die diese natürliche Selbstverständlichkeit verbürgt.
გერმანელმა ფსიქიატრმა ვოლფგანგ ბლანკენბურგმა (1928-2002) მაგალითად "ღარიბ სიმპტომებიანი შიზოფრენია" - კავშირების დასამყარებელი მსვლელობების პათოლოგიური დარღვევა აღწერა, რომელიც ბუნებრივ თავისთავადობას განაპირობებს.
In den Krankengeschichten, die er dabei ausgewertet hat, wurde immer wieder ein furchtbarer Zustand beschrieben, der darin bestand, dass das Selbstverständliche befremdete, dass eine elementare Regel oder Grundlage fehlte, die eine bestimmte Identität der Person garantierte. Das sind keine depressiven Verstimmungen, keine Entfremdungszustände, die ja immerhin etwas Eigenes voraussetzen, von dem wir uns entfremden können. Es fehlt vielmehr der bereits von Aristoteles beschriebene gemeinsame Sinn der fünf Sinne, die elementare Grundvoraussetzung menschlicher Personalität. Ohne diese Fragen hier ausführlich erörtern zu können, möchte ich darauf hinweisen, dass diese Synästhesie unserer sensomotorischen Abläufe heute eine kultur- und kommunikationspolitische Aufgabe ersten Ranges ist. Die beschriebene Selbstverständlichkeit setzt eine sinnvolle Vereinheitlichung der verschiedenen Sinnesempfindungen im einzelnen Menschen, ein synthetisches ganzheitliches Wahrnehmungsvermögen voraus. Deutsche Psychologen und Philosophen wie Victor von Weizsäcker, Helmuth Plessner und Ernst Cassirer haben diese Vorgänge immer wieder beschrieben und analysiert. Sie liegen auch unseren Kommunikationsprozessen zugrunde. Die vertrauensbildende und Identität vermittelnde Synästhesie der Wahrnehmungsvorgänge stellt sich heute aber nicht mehr gleichsam naturwüchsig her. Der „Atemraum der großen Treue“ (Martin Buber), diese dialogische Sphäre, in der sich das authentische Sein als Einheit von Natur und Kultur konstituiert, setzt eine Gemeinschaft bzw. einen Ort voraus, der heute nicht mehr allein genealogisch als Familie oder Ethnos vorausgesetzt werden kann, sondern der sich unserer politischen Tätigkeit verdankt. Es ist insofern kein Zufall, dass der Grundbestand an politischer Philosophie bereits in der Antike, d.h. im Übergang von den alten Gentes zur Polis, entstand. Im Auseinandertreten von Gemeinschaft und Gesellschaft, die seither unsere modernen Sozialverhältnisse noch weit mehr kennzeichnet, ist die Arbeit am Sensus communis zu einer dauerhaften politischen Aufgabe geworden. Wir habe das in immer wieder neuen Anläufen deutlich zu machen versucht. Es handelt sich im Grunde um das alte politische und pädagogische Projekt, wie es Schiller in seinen Briefen „Über die ästhetischen Erziehung des Menschen“ (1795) und in seiner Rede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ (1789) skizzierte. Der „ästhetische Staat“ ist das Projekt einer heute möglichen kommunikativen Verständigung unter den Bedingungen der Globalgeschichte. Sinnlichkeit und Sinn, Gefühl und Form können nur in einer dialogischen und spielerischen, d.h. künstlerischen Weise vereint werden. Wir haben dafür unter allen Gruppierungen der georgischen Gesellschaft geworben, die offene Aussprache gesucht und uns in der Kunst der Vermittlung zu üben versucht. Neben vielen schönen Erfahrungen wurden wir aber auch mit Phänomen konfrontiert, die wohl nur, analog zu den Einsichten Blankenburgs, als Zerstörung der bildnerischen Regel des politischen Lebens beschrieben werden können. Charakterologische Pathologisierungen des politischen Gegners, wie du sie bei Gia Tortladse kritisiert hast und die in Georgien an der Tagesordnung sind, sind allerdings eher ein Teil des Problems, keine ernstzunehmende Analyse. Ich bestreite nicht, dass es im modernen politischen Leben unglaublich viele pathologische Einflüsse gibt. Aber wem nutzt diese vordergründige Psychologisierung, dieser Zeitvertreib der mediokren Intellektuellen? Entscheidend ist doch eher, wie sich der Verlust des Vertrauens, die Zerstörung des Selbstverständlichen, des Sensus communis, kommunikationsgeschichtlich herausgebildet hat. Das ist ein Prozess, an dem wir alle teilhaben und der unser aller Scheitern manifestiert. Die Debatte um das vermeintlich „russische Projekt“ zeigt es erneut. Ich möchte hier, genauso wie du, nicht auf das sachlich Unhaltbare dieser Unterstellungen eingehen. Wir alle verfolgen im Raum der globalen Kommunikation russische, amerikanische, französische, ja selbst iranische und türkische Interessen. Umso mehr, umso besser. Aber lassen wir das. Die wichtigere Frage lautet doch: Haben wir noch eigene Interessen, die wir ausdrücken können, die mehr sind als unser misstrauisches Ressentiment, unsere Enttäuschung und Verbitterung über die Interessen der anderen? Bidsina Iwanischwili hat in dem Interview auf die Eigenliebe als gleichsam natürliches Fundament der Ethik verwiesen. Die Lust das Gute zu tun, der moralische Instinkt, wird in den allermeisten autoritären Morallehren, selbst noch in der von Kant, als scheinbar heteronomes Moment für ethisch irrelevant erklärt. „Gern dien ich den Freunden, doch tu ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin.“ So hatte Schiller diese Auffassung Kants ironisch kommentiert. Die Einheit von Natur und Geist im authentischen Wort stellen wir nicht her, indem wir numinose Verdächtigungen aussprechen und den Eigennutz der anderen beklagen. Unser Urteilsvermögen muss sich vielmehr als Wahrnehmung des leiblichen Ausdrucks in der Zeit und im Raum ausbilden. In diesem kommunikativen Prozess bestätigen wir uns gegenseitig unsere personale Integrität. Wir bilden dabei in einem kulturellen Raum historisch und biographisch ein System der Maßverhältnisse zueinander aus, das Iwanischwili am Beispiel der Grenzziehungen in den georgischen Dörfern beschreibt. Diese unbewusste Taxonomie von Nähe und Distanz ist die Grundlage jeder Gemeinschaft. Sie liegt der sozialen Ökologie der Kommunikationsverhältnisse zugrunde. Wenn diejenigen, die uns mit ganzer Kraft davor warnen, in Bidsina Iwanischwili einen Messias zu sehen, nur halb so viel Energie darauf verwenden würden, mit etwas mehr Eigenliebe einen authentischen Dialog mit ihm zu führen, in dem diese Maßverhältnisse gelten und erprobt werden, dann wäre es mir um die Rehabilitierung des georgischen Sensus communis nicht bange. Stattdessen wird aus der Leere des eigenen Seins geschrien und auf eine Antwort gewartet, die weder ein Mensch noch ein Messias jemals geben kann. Marika, ich glaube, dass dir als Musikerin das alles auf eine weit praktischere Weise vertraut ist. Wenn ich dich an der Orgel sitzen sehe, dann weiß ich, was der gemeinsame Sinn der Sinne ist. Als Wissenschaftler muss ich das natürlich weit weniger anschaulich zu verdeutlichen versuchen.
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ფრანკ,
დიდი მადლობა, რომ სწორედ გაიგე ჩემი ნათქვამი. დიახ, მე უფრო საზოგადოების და ამ საზოგადოებაში ადამიანების ქმედებები მაინტერესებს. ერთი წინადადებით რომ ვცადო იმის აღნიშვნა, რისი თქმაც მსურს, ჩემი აზრით, ადამიანების ქმედება არის პირველ რიგში მათი სიტყვა. უფრო გასაგებად რომ ვთქვა, - სიტყვა და კომუნიკაციაა ადამიანის არსებობის აზრი და არა აბსურდულობამდე მისული „უკეთესი მომავლის“ დევნა თავისი გაურკვეველი პოლიტიკური მოდელებით. ამ თემაზე კარგი სტატია დაბეჭდა ჩვენს ჟურნალში გია ეძგვერაძემ, სადაც ის ბოლოს ამბობს: „თუ მოხერხდება მომავლის დაკარგვა, მაშინ ის მოიპოვება და ვინც მომავლის შენახვას მოისურვებს, ის მომავალს დაკარგავს“. (Wem es gelingt, die Zukunft zu verlieren, wird sie finden, und wer die Zukunft bewahrt, wird sie verlieren) დაახლოვებით, ასე შეიძლება ითარგმნოს.
ზემოთ უკვე ავღნიშნე, თუ რამდენად განვიცდი საქართველოში კომუნიკაციის რღვევას, სადაც ყოველ ახალ მომხდარი აყალმაყალით, თითქოს შანსი გვეძლევა, რომ „აღვადგინოთ სიტყვები“ და ჩვენ კი, ყოველ ჯერზე ამ შესაძლებლობას ხელიდან ვუშვებთ. შენ კარგად იცი, როდესაც ჩვენ საქართველოზე ვსაუბრობთ ხოლმე, საქართველოზე ფოკუსირების მიუხედავად არასოდეს არ ვრჩებით მხოლოდ ამ სივრცეში. საქართველო თავისი სივიწროვით, თითქოს კონცენტრატია მთელი იმ ბალღამისა, რაც დედამიწაზე ცისარტყელას ფერებს მხოლოდ წვიმის შემდეგ ატმოსფერულ-ოპტიკურ ფენომენად ტოვებს, რომლის რეფლექციას ჩვენ მხოლოდ წამიერად და რაღაც ცოდნებით აღჭურვილნი (თუ შებოჭილნი) ვახდენთ. ამიტომ აქ მეტს აღარ განვმარტავ, რომ როდესაც საქართველოზე ვსაუბრობ, მარტო საქართველოს არ ვგულისხმობ. უფრო მეტიც, საქართველოს სხვადასხვა სპეციფიურობანი სწორედ ასეთი განზოგადოების საშუალებას მაძლევს. შანსების დაკარგვა, რა თქმა უნდა მხოლოდ საქართველოს არ ეხება. მე-20 საუკუნის ომების შემდეგ, განსაკუთრებით ბოლო 30-40 წელიწადია მსოფლიო ვერა და ვერ უბრუნდება მდგომარეობას, რაზედაც ვაჟა ფშაველა ამბობს: “თავი უნდა გაითავისუფლო რომ რაიმე ჩაიღვაროს.” (აქ უცბად გამახსენდა Led Zeppelin -ის 1994 წელს “კაშმირის”გამეორებული კონცერტი სიმფონიურ ორკესტრთან და არაბ მუსიკოსებთან ერთად. 90-იანები, - ათწლეული, როდესაც ყველა ჰუმანური ოცნება თავიდან გამოამწყვდიეს ბოთლში და ოკეანეში მოისროლეს)
არ ვარ მიამიტურად მხოლოდ ცისარტყელის ქვეშ მგდარი მომღიმარი ადამიანების სურათის ტყვეობაში და ჩემი ინფორმაციებიდან გამომდინარე ვითვალისწინებ ლიბერალური კაპიტალიზმითა და გეოსტრატეგიებით ჩახლართულ ჯაჭვებს, საიდანაც თავის დაღწევა იქნება და მართლაც შეუძლებელია. თუ ასეთი თავის დაღწევა უტოპიაა, მაშ რა ეშველება ამ პაწაწკინტელა საქართველოს, სადაა მისი ადგილი? მე ამ პრობლემაშიც კი, ისევ შანსს ვხედავ საქართველოსთვის. იმიტომ რომ პატარაა, იმიტომ რომ მას თავის კულტურაზე დაყრდნიბით სწორედ ადვილად შეუძლია (უნდა შეეძლოს) ჩართვა მსოფლიო ნებისმიერ მიმდინარეობაში.
თანამედროვე საზოგადოებაში გამრავლებული შიშს ზღვრებამდე მიჰყავს ადამიანი. თანამედროვე კულტურას მოიცავს სუბლიმირებული პერმანენტური ალარმი. ის აღარც რელიგიასთან მიმართებაშია და განჭვრეტის ყველანაირ პირობას მოკლებულია. საქართველოში, როგორც ზემოთაც ავღნიშნე, ვფიქრობ, რომ შიშმა საკმაოდ “დაამოკლა” ჩვენი სულები.
მაშ, როგორ უნდა გარდავქმნათ ეს შიშები პროდუქტიულობაში? პოლიტიკური დაპირებები და “უკეთესი მომავლის დევნა” (გ. ეძგვერაძის გამოთქმის პერიფრაზა), როგორც ჩანს, ვერ შველის საქმეს.
ივანიშვილის გამოჩენაც ჩემთვის ამ მხრივ იყო საინტერესო. რამდენად გამოვიყენებთ შესაძლებლობას კომუნიკაციის აღსადგენად. საამისოდ მას თან ბევრი საინტერესო იმპულსი მოაქვს. ასევე შევაფასე მისი მაესტროს ეთერში გასული ინტერვიუ, ეს არ არის ნიღაბაფარებული პოლიტიკოსის ფიგურა, (რა სხვა ნიღაბიც არ უნდა ჰქონდეს მას) და არის მცდელობა ზოგად ჰუმანური თემების სულ ცოტა დასახელებისთვის მაინც.
რაც არ უნდა განვაზოგადოთ საქართველოს თემა, ერთი რამ კი რჩება საკმაოდ სპეციფიური, - ვინც შენიანი არ არის, ის ავტომატურად მტერია. ეს სენი საქართველოში ყველა სოციალურ ფენაში და ყველა სივრცეშია დასადგურებული. თავად ისინიც, ვინც ამაზე ხმამაღლა ბჭობენ და გვმოძღვრავენ, თვითონ იქცევიან ასე. ასეთი დასკვნისათვის ჩემი გამოცდილებებიც და დაკვირვებებიც საკმარისია მაგალითებისათვის. მეტსაც ვიტყოდი, - მე საკუთარ თავში მომიხდა ამ ქართულ სენთან შებრძოლება. ამიტომაც ივანიშვილისეულ კატეგორიზაციას ცუდი და კარგის ნიჭიერად და არანიჭიერად, მოხსენიებას სრულიად ვეთანხმები. ჩემი “რამოდენიმეჯერ დაწყებული” ბიოგრაფიით, ვფიქრობ, ერთერთი, რასაც ჩემს თავს გამარჯვებად ჩავუთვლიდი არის ის, რომ ცხოვრებამ შიშების ამ ნაწილისაგან გამათავისუფლა და მტერსაც ვუძებნი ნიჭს და უნარს. თუ მტრობაზეა საუბარი, “კარგი მტერია” სასურველი, სადაც საკუთარ ღირსებებს თავიდან დაადგენდი.
სამწუხაროა, რომ ვერც ამ ინტერვიუს ფარგლებში და მითუმეტეს მომდევნო დისკუსიებში, (თუმცა მიჭირს ამას დისკუსია ვუწოდო) ვერ მოხერხდა კომუნიკაციის ცოტათი მაინც მაღალ ხარისხში აყვანა. ყველაფერი პირიქით მოხდა. მე პირადად, ბიძინა ივანიშვილთან საპაექროდ ჩემს ხელში გამოვლილი ქუთაისი მუზეუმის პროექტთან დაკავშირებული ამბებიც მეყოფოდა თუნდაც მხოლოდ ამ თემით დისკუსიის გასაშლელად. დამაინტერესებდა, რას მიპასუხებდა. მაგრამ აქ მოკლედ მინდა ავღნიშნო სამშობლოს თემა, რომელიც ინტერვიუში, ია ანთაძის ბლოგთან დაკავშირებით იყო აღნიშნული. საქართველოს ხელისუფლების მყისიერი გადაწყვეტილება მოქალაქეობის ჩამორთმევასთან დაკავშირებით იმდენი ნეგატიური სახელი აქვს, რომ რომელიმეს ხსენებაც არ მინდა. გამოვტოვებ აქ ამ თემასთან ჩემს ემოციურ დამოკიდებულებას და მხოლოდ ვახსენებდი, რომ მოქალაქეობის მინიჭება და ჩამორთმევა პარაგრაფებით დანომრილ უჯრებში ქაღალდის გადადებ-გადმოდება არაა. ამ კონტექსტში ერთერთი წამყვანი ჟურნალისტი წერს სამშობლოში ბლოგ “შეხვედრა სამშობლოსთან”, სადაც ტექსტი ასე იწყება: “მხოლოდ გუშინ მივხვდი, რა ღრმა კანონზომიერებაა ამ ფაქტში და რა ფასდაუდებელი სამსახური გაუწიეს ბატონ ბიძინას იმ ადამიანებმა, რომლებმაც მას საქართველოს მოქალაქეობა შეუჩერეს.“- და შემდგომი ტექსტის მსვლელობის მანძილზე მოუწოდებს ბიძინა ივანიშვილს „სამშობლოსთან შეხვედრას“.
ამ ბლოგში ადრე ბევრს ვწერდი და სწორედ ერთერთი აქედან დაიწყო ჩემთვის ინტერნეტის საშუალებით საქართველოს სინამდვილესთან (და არა ჩემს სამშობლოსთან) ჩემი ინტენსიური კონტაქტი, ჩემი ახლობლების წრის მიღმა. სამშობლო ინტიმურობაა, დამოკიდებულება ადამიანსა და სივრცეს შორის. იმის აღნიშვნა, რომ ქალბატონი ია ანთაძის მიერ ეს ტექსტი გულწრფელობით არის დაწერილი, ვერ შველის საქართველოში დარღვეულ კომუნიკაციას, ამ ტექსტის მორალისტობით კიდევ უფრო დავიწროებულ სივრცეს. ამჯერად, Led Zeppelin -ის ამ ციტატით დავამთავრებდი ჩემს კომენტარს და -
For peace and trust can win the day despite of all your losing. (Immigrant song Led Zeppelin)

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Marika,
Wenn ich unsere gemeinsamen Reflexionen zu dem Interview mit Bidsina Iwanischwili noch einmal Revue passieren lasse, dann stelle ich fest, dass sich doch alles um die Frage des zu verantwortenden Wortes dreht. Es geht darum, dass sich in dem dialogischen Wort unser personales Sein manifestiert. Der Einwand, dass ich als Außenstehender es da auch leichter hätte, Gesicht zu zeigen, scheint mit nur teilweise berechtigt. Ich will hier nicht über die Risiken sprechen, die wir mit unseren Beiträgen zu einem Dialog bereits auf uns genommen haben. Die Hauptursache der sogenannten Missverständnisse sehe ich in die Zerstörung der Urteilsfähigkeit, des Sensus communis, dieses Bedeutungsfeldes, in dem wir unsere individuellen Aspirationen vor dem Hintergrund gemeinsam geteilter Überzeugungen und Erwartungen aufeinander abstimmen. Das ist doch nicht die Summe aller Meinungen, die Iwanischwili sich an jeder georgischen Haustür abholen soll. Das ist doch keine Frage der empirischen Meinungsforschung. Das ist eine Frage der kollektiven Einstellung des georgischen Volkes, seiner – wie Iwanischwili sein Verhältnis zur Heimat charakterisiert hat – Weltanschauung. Dieses Wort ist heutzutage etwas aus der Mode gekommen. Es gibt nur noch individuelle Interessen, die irgendwie koordiniert werden müssen. Ein Individualismus, der um seine expressive unnd empathische Dimension verkürzt wird, reduziert den Menschen auf eine fensterlose Monade. Das scheint mir das fundamentale Missverständnis der Moderne zu sein. Es gibt keine liberale Gesellschaft ohne diese unsichtbare Gemeinschaft, diese zunächst bildlose Welt-Anschauung, die sich dann in den fünf Millionen individuellen Ikonen des georgischen Volkes manifestiert. In Georgien führt die Zerstörung dieser Gemeinschaft zu heilloser Selbstzerfleischung. Das Schlimmste ist, dass diese zum Dialog und zur personalen Einfühlung so begabte Volk seine Selbstliebe und Selbstachtung verliert. Daran sind wir alle, die Georgier, aber auch die übrigen Europäer beteiligt. Jeder hört nur noch die Worte, die er hören will und selbst diese werden dann noch missverstanden. Wie häufig sind wir diesem Phänomen bei unseren Tätigkeiten in Georgien und Deutschland begegnet. Zurzeit sehe ich aber die Hauptverantwortung in Georgien. Du weißt, dass ich die Resonanz auf die georgischen Themen häufig im Spiegel der ausländischen Presse beobachte. Die englischen Publikationen und auch die erst spät erschienenen deutschen Berichte und Kommentare zu den politischen Absichten von Bidsina Iwanischwili sind ganz nüchtern und bewerten diese Entwicklung eher als notwendige Schritte zu einer differenzierteren politischen Kultur in Georgien. Iwanischwili wird weder als neuer Volkstribun noch als russischer Agent betrachtet. Es werden Fragen gestellt, es wird Skepsis geäußert, es werden aber auch Hoffnungen artikuliert. In Georgien wird in bestimmten Kreisen davon gesprochen, dass Iwanischwili eine Maske trüge. Wir alle tragen Masken, die uns verbergen und schützen, aber auch Kommunikation ermöglichen. Personalität ist letztlich kein Kern mit Schale. Sie ist vielmehr ein mehr oder weniger breites Spektrum des menschlichen Ausdrucksvermögens. Sie manifestiert sich u.a. im Taktgefühl, durch das Nähe und Distanz ausbalanciert werden. Im antiken griechischen Theater ermöglicht die Maske erst den Gefühlsausdruck. Die Maske, die Iwanischwili trägt, und die ihm angeblich vom Gesicht gerissen werden sollte, hat bislang zum ruhigen Dialog, zur gemeinsamen Überlegungen über die Zukunft Georgiens aufgerufen. Dass der Mann aus Tschorwila zudem die Erforschung der menschlichen Seele und die Frage der Kindesentwicklung für eine wichtige Aufgabe unserer Zeit hält, finde ich auch in Bezug auf die konkreten Themen eines Dialogs ermutigend. Das sind zentrale Bereiche einer Politik des Menschen, wie sie Erich Fromm, Edgar Morin u.a. fordern. Iwanischwili wurde vorgeworfen, er wäre von den georgischen Lebensverhältnissen entfremdet, er würde das Land nicht kennen. Unabhängig von der sachlichen Unrichtigkeit dieser Unterstellungen, zeigen diese Äußerungen das ganze Problem, um das unser Dialog kreist. Viele Georgier sind sich selbst zu nahe und zu fern gleichzeitig, um sich selbst noch sehen zu können. Die Zerstörung der unsichtbaren Gemeinschaft des sinnvollen Wortes, des „Atemraums der großen Treue“, führt dazu, dass individuelle Interessen des gesellschaftlichen Lebens nur noch in Kategorien des Verrats und der mangelnden Loyalität artikuliert werden. Die fundamentale Unsicherheit, die Angst von der du geschrieben hast, sucht Sicherheiten auch da wo diese nicht zu finden sind. Die Georgier haben den großen Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts nie beendet. Das lag zum Teil auch nicht in ihrer Hand, aber sie sind dabei, auch den Teil, den sie in der Hand haben, aus ihren Fingern gleiten zu lassen. Für ein sinnvolles Wort, das eine Welt herstellt, ist es aber nie zu spät. Das allein ist meine Hoffnung

Samstag, 26. November 2011

Prolegomenon: Vom Anthropo-Logos der georgischen Renaissance im 21. Jahrhundert

Dr. Frank Tremmel

Für Ansor Bregadze



„Geist und Drang, die beiden Attribute des Seins, sie sind, abgesehen, von ihrer erst werdenden gegenseitigen Durchdringung – als Ziel – , auch in sich nicht fertig: sie wachsen an sich selbst eben in diesen ihren Manifestationen in der Geschichte des menschlichen Geistes und in der Evolution des Lebens der Welt.“

Max Scheler


Im Zusammenhang mit den ersten Schritten zur Neuformierung einer georgischen Oppositionsbewegung, die mit den Namen Bidsina Iwanischwilis verbunden ist, habe ich in drei Beiträgen meine Auffassungen zu einem „georgischen Projekt“ zum Ausdruck gebracht. Meine Einschätzungen basieren auf bestimmten gedanklichen und methodologischen Grundorientierungen, die ich in mehreren Essays ebenfalls publiziert habe. Die drei Artikel verstehen sich als kulturpolitische Interventionen, keineswegs als parteipolitische Stellungnahmen. Wenn wir von einem georgischen, deutschen, französischen, kambodschanischen, senegalesischen Projekt sprechen, dann sollten wir anfangen, sie als Teilaspekte eine „Politik des Menschen“ (Edgar Morin) zu betrachten. Selbstverständlich können nicht alle Aspekte gleichmäßig beleuchtet werden. Eine wirkliche Erkenntnis unserer Epoche, ihrer Aufgaben und deren jeweilige regionale und nationale Spezifikation, kann letztendlich nur in der dialogischen Erschließung des Logos liegen. Ein echter Dialog findet aber zurzeit weder in Georgien noch in Deutschland statt. Die folgenden Gedanken können insofern auch nur als partielles Resümee, als provisorische Zusammenfassung und als Vorbemerkung zu weiteren Studien gelten. Sie sollen vor allem der Klarstellung dienen und zu einer ausgewogeneren Urteilsbildung beitragen.

Die Angehörigen meiner Generation wurden in einem unglaublich kurzen Zeitraum Zeugen ungeheurer, sich weiter fortsetzender historischer Umwälzungen, die aber im öffentlichen Bewusstsein und in den Wissenschaften kaum nennenswerten Niederschlag fanden. Das Erlebte findet keine gedankliche Ausdrucksform. Der Zusammenbruch der Sowjetunion, die Umwälzungen in Osteuropa, die heute im Vorderen Orient ihre Fortsetzung finden, werden weiterhin in das Prokrustesbett der alten ideologischen Denkschablonen und eines fantasielosen Naturalismus gepresst. Dabei ist offenkundig, dass die Form der Geschichte, wie sie aus der europäischen Renaissance hervorging, einer tiefgreifenden Veränderung unterliegt . Wir erleben zwar nicht das Ende der Geschichte, sehr wohl aber das Ende der bisherigen politischen und ökonomischen Weltgeschichte, die bislang nichts anderes war als die seit dem 15./16. Jahrhundert sich vollziehende Expansion der europäischen Welt. Die bisherige Geschichte der großen Kulturen, die sich machtpolitisch über ganze Kontinente auszubreiten versuchten, diese Universalisierung der Partikularismen, hat sich erschöpft. Keiner der bisherigen Weltmittelpunkte war imstande, die ganze Erde zu umgreifen. Das Zeitalter der Imperien neigt sich unweigerlich seinem Ende zu. Auch die bisherige Gestalt der kapitalistischen Weltwirtschaft verändert sich grundlegend. Die globalen Märkte werden nicht mehr, wie in der Vergangenheit, von London, New York oder Moskau und vermutlich auch nicht allein von Peking aus formiert. Diese Prozesse der Dezentrierung und Pluralisierung schreiten unaufhaltsam voran. Immer neue historische Akteure betreten die Bühne und befördern die Auflösung der traditionellen Machtagglomerationen. Die Prognosen über ein US-amerikanisches oder ein neues chinesisches Imperium beruhen auf einer fragwürdigen linearen Extrapolation der bisherigen Weltgeschichte. Diese Sichtweise verkennt den vielschichtigen und neuartigen Charakter der Globalgeschichte. Dies gilt auch für die Geschichte der Religionen, für die machtpolitischen Versionen einer christlichen Ökumene oder islamischen Umma. Die achsenzeitlichen Religionen und Weltanschauungen (Karl Jaspers) fanden Anhänger in vielen Teilen der Welt, keiner gelang bisher jedoch die Vereinigung aller Menschen. Konversionen von jungen Westeuropäern aus den Vororten von London und Paris zum Islam entsprechen massenhafte Gründungen von christlichen Basisgemeinschaften in China und der Aufstand der Jugend in den Ländern des Vorderen Orients. Die Erosion der klassischen WASP (White Anlo-Saxon Protestant)-Identität in den USA wird begleitet von einer Ausbreitung protestantischer Sektenreligiösität in Lateinamerika und Südostasien. Weder totale Säkularisierung noch totale Resakralisierung bestimmen die neue Epoche. Zu jeder Tendenz gibt es offenbar eine Gegentendenz. Die multiversale Globalgeschichte hält sich nicht an die fein säuberlichen Grenzziehungen der alten Kulturkämpfe. Neue Mikroakteure und kommunikationstechnologisch beförderte Ideenbewegungen, durchlöchern die eben angelegten Demarkationslinien und zerlegen in Windeseile ehrwürdige Geschichtskörper. Synchronisation und Differenzierung haben eine Geschwindigkeit angenommen, die kaum noch Gestaltbildungen zuzulassen scheint. Welchen Sinn hat es, unter diesen Bedingungen von einer georgischen Renaissance zu sprechen?

Die globalgeschichtliche Formierung des georgischen Nationalstaates hat, wie schon in der Vergangenheit, einer multipolaren Machtkonstellation Rechnung zu tragen, die erhebliche Risiken birgt. Expansive Begehrlichkeiten und hegemoniale Ansprüche seiner Nachbarn sind das Erbe der bisherigen Weltgeschichte, an dem Georgien auch weiterhin schwer zu tragen hat. Hinzu kommen eine auf globale Gleichzeitigkeit zielende Zivilisationsentwicklung und die damit einhergehende wachsende Vielzahl von Kulturotopen, deren Anziehungskräfte auch die Georgier mitreißen und sie sich unter unterschiedlichen, zum Teil unvereinbaren Symbolen versammeln lässt. Das sind Entwicklungen, denen mit klassischen machtpolitischen und diplomatischen Mitteln kaum noch zu begegnen ist. Die Grenzen von Innen- und Außenpolitik, die im Kaukasus immer schon schwerer zu ziehen waren als in anderen Regionen der Erde, werden noch durchlässiger und stellen ein „georgisches Projekt“ vor erhebliche Probleme. Weder die Flucht in ein Posthistoire sozialistischer oder liberaler Observanz noch die Rückkehr zu ethnoreligiösen Primordialismen haben bislang Auswege eröffnet. Die georgische Wiedergeburt kommt nicht aus den Büchern von Adam Smith und Karl Marx, aber auch die ritualisierte Beschwörung von Religion und Tradition kann sich als unfruchtbar erweisen. Um die Frage nach den Möglichkeiten einer kulturellen Revitalisierung, die der modernen Zivilisationsentwicklung entspricht und den gegebenen Machtkonstellationen Rechnung trägt, beantworten zu können, muss das Wagnis unternommen werden, den Sinn der oben skizzierten globalen Entwicklungen genauer zu bestimmen. Im Rahmen einer naturalistischen Anthropologie, die die noologische Dimension unseres Daseins vernachlässigt, ist das nicht möglich. Um das Schicksal der georgischen Menschen als Gestalter und Gestaltete in einer weltpolitischen Konstellation, in der alte Kulturformen und Machtfaktoren auf neue Zivilisationsentwicklungen stoßen, zu verstehen, bedarf es einer „Umformung der allgemeinen Erkenntniskultur“ (Max Scheler).

Seit mehr als drei Jahren versuche ich, von den erkenntnisleitenden Ideen Max Schelers und Alfred Webers ausgehend, die globalgeschichtliche Situation der georgischen Kultur zu beleuchten. Globalgeschichte verstehe ich in diesem Zusammenhang nicht als Neuauflage der klassischen Universal- und Weltgeschichten, sondern als anthropologische „Konstellationsanalyse“, die den „Abschied von der bisherigen Geschichte“ auf die „Qualitäten der menschlichen Spontaneität“ (Alfred Weber) hin untersucht. Dieser „Abschied“ deutet kein liberales Posthistoire an, aber auch kein neues Mittelalter, wie es die Rückkehr zur Universalgeschichte der sich zyklisch ablösenden Kulturen nahelegt. Er bezeichnet vielmehr den Beginn des „noetischen Zeitalters“ (Max Scheler), in dem der Prozess der Hominisation in eine bewusst schöpferische Humanisierung übergeht, aber auch von konvulsiven Umbrüchen und den damit einhergehenden Gefahren abgründiger Barbarei begleitet wird. Die Phasenfolge der genealogischen, der politischen und der ökonomischen Geschichte ist – phänomeno-logisch gesehen – eine abgeschlossene Sequenz der Noogenese. Spätestens seit Mitte der 1980er Jahre hat sich das Entwicklungspotential des ökonomischen Zeitalters, des modernen Industrialismus, auch realgeschichtlich vollständig ausgefaltet und stößt seit dem an seine Grenzen. Wir erleben die Anfänge der eigentlichen geistigen Menschwerdung, eines „Zeitalters des Ausgleichs“ (ebd.), in dem Gemeinschaft und Gesellschaft, Kulturbewegung und Zivilisationsprozess in immer neuen, mehr oder weniger fruchtbaren Konstellationen an der Personalisation des Menschen mitwirken. Dieser Prozess verläuft nicht linear. Er entfaltet sich dia- bzw. polylogisch und kann in jedem seiner Momente scheitern und unser Dasein in die Abgründe des schlimmsten Naturalismus und der Depersonalisation stoßen. „Ausgleich“ meint keine panhumanistische Peter-Stuyvesant-Ideologie, sondern einen dramatischen Prozess, der ohne eine axiologische Lenkung verheerende Folgen zeitigen kann.

Scheler selbst beschrieb die „Weltalter des Ausgleichs“ als „die für die Menschheit gefährlichsten, die todes- und tränentrunkensten“. Vitaler „Drang“ und „Geist“ stehen sich unvermittelt gegenüber. Junge Völker – nahezu fünfzig Prozent der Menschen im Vorderen Orient sind jünger als zwanzig Jahre – finden im geistigen Erbe kaum noch Orientierung und stoßen zugleich auf Kulturen, in denen in fünfzig Jahren jeder dritte Mensch über 65 Jahre alt sein wird. Diese Alterung der Bevölkerung findet in Georgien, verstärkt durch die Deformationen der soziodemographischen Entwicklung in den 1990er Jahren und die anhaltende Immigration, übrigens genauso statt wie in Deutschland. Wir müssen keinem Neo-Malthusianismus anhängen, um zu erkennen, dass Bios und Logos in diesen Prozessen in Wechselwirkung miteinander stehen. Die mentalitätengeschichtliche Relevanz dieser Entwicklungen liegt auf der Hand. Die Jugend ist seit den 1960er Jahren nicht mehr nur eine Vorstufe des reifen Alters, sie fordert ihre Anerkennung als kultureller Eigenwert. Der Aufstand gegen den Patriachalismus ist heute weltumgreifend. Aber auch das Alter wird als spezifische Seinsweise entdeckt und beansprucht jenseits traditioneller Sozialhierarchien neue Geltung. Neben der Jugend fordern Frauen nicht mehr nur politische Partizipation und soziale Gleichberechtigung, sondern stellen die männliche Geistesart als kulturformendes Prinzip in Frage. Der geistige Eintritt der Frauen in die Globalgeschichte ist das vielleicht wichtigste Phänomen unserer Epoche, dessen tatsächliche Bedeutung bislang erst ansatzweise realisiert wurde. Andererseits suchen junge Männer, komplementär, aber auch im Widerspruch dazu, in den westlichen Gesellschaften nach postfeministischen Formen männlicher Haltung und Lebensart. Die Klassen- sowie die Massen- und Elitenkulturen sind heute, trotz gegenläufiger Tendenzen, füreinander durchlässiger als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte. Überkommene und zum Teil bereits überlebte religiöse Denkformen und ein abstrakter Intellektualismus stoßen in alten, aber auch neuen Ost-West-Gegensätzen, durchzogen von veralteten Machtansprüchen und den Erfordernissen einer tatsächlichen Weltwirtschaft, aufeinander. Diese Unterschiede und Gegensätze werden unter den Bedingungen einer nie gekannten „Erdzusammenschrumpfung“ (Alfred Weber) auf engstem Raum ausgetragen. Städtische und ländliche Kultur verlieren jeden Bezug zueinander. Die Ernährung der urbanen Großkomplexe wird zu einem schier unlösbaren logistischen und ökologischen Problem. Bis 2050 werden etwas mehr als 9 Milliarden Menschen unseren Planeten bevölkern, von denen mehr als 60 Prozent in gigantischen Stadtagglomerationen leben werden. Diese urbanen Konzentrationen sind Psychotope eigener Art, die neue psychophysiologische Veränderungen des Menschen bewirken. Bereits Alfred Weber hatte 1953 die Frage aufgeworfen, in wie weit „zu der quantitativen Erdschrumpfung vielleicht auch noch eine qualitative hinzutritt“. Der französische Politiker, Hölderlin- und Zukunftsforscher Pierre Bertaux sprach 1964 in diesem Zusammenhang von einer regelrechten „Mutation der Menschheit“.

Immer wieder haben wir über Georgien als Schnittstelle der großen weltgeschichtlichen Trajektorien berichtet, über ein Land, das in seiner Geschichte, wie ein Mikrokosmos, die globalen Widersprüche in sich aufnimmt und zu vereinen sucht. Deutlich wurde auch, dass die Polaritäten immer weiter auseinandertreten, dass die Gestaltbildung an inneren und äußeren Überspannungen zu scheitern droht. Dabei spielt zudem das Zeitproblem eine zentrale Rolle. Gestaltbildungen verdanken sich nicht lediglich volitionalen Akten, sondern mindestens ebenso sehr Wachstumsprozessen. Den Georgiern wird aber keine Zeit gelassen, die Keime und Potentiale ihrer wartenden und träumenden Kultur zu entfalten. Der extreme Akzeleralismus unserer Epoche lässt es kaum noch zu, die dazu notwendigen Ausgleichsprozesse zu organisieren. Neben den bereits erwähnten globalgeschichtlichen Konstellationen, die gleichsam die äußere Lage darstellen, müssen in diesem Zusammenhang aber auch bestimmte innere Bedingungen der georgischen Antworten in Betracht gezogen werden. Die Lage ist nicht nur eine objektive, sondern mindestens so sehr eine erlebte. Ein georgisches Projekt ist zunächst vor allem eine Frage der „Einstellung“ (Dmitri Uznadze), d.h. einer ganzheitlichen, nicht bewussten, affektiven Gerichtetheit. Im Deutschen würden wir von einer Haltung sprechen. Dabei handelt es sich nicht allein um eine individualpsychologische, sondern vor allem um eine fundamentalanthropologische Kategorie. Es geht dabei nicht lediglich um subjektive oder objektive, um emotionale bzw. kognitive Dimensionen des Menschseins, sondern um eine „Urwirklichkeit“ (Ernesto Grassi), die sich in den symbolischen Selbstinterpretationen des Menschen, in seinen „Daseinsthemen“ (Hans Thomae) manifestiert. Die Barriere, die in Georgien einen Zugang zu dieser Tiefendimension der georgischen Kultur versperrt, ist das Phänomen der Angst. Dieses hindernde Moment soll an dieser Stelle nicht weiter behandelt werden. Marika Lapauri-Burk wird demnächst auf diesem Blog dazu einen Beitrag veröffentlichen. Zur Frage konkreter Furcht werde ich analog einen Beitrag zum Verhältnis Georgien-Russland publizieren. Hier begnüge ich mich mit dem Hinweis, dass diese existentielle Hemmung und die machtpolitische Bedrohung das notwendige Ausgleichsgeschehen in hohem Maße mit verhindert. Die von mir an verschiedenen Stellen beschriebenen Kulturkämpfe und die Zerrissenheit der georgischen Reflexionseliten sind Ausdruck dieses Phänomens. Nur wenn es gelingt, die ästhetisch-moralischen Kräfte der Georgier, d.h. vor allem ihr Ausdrucksvermögen, zu aktivieren und eine kulturpolitische Entschleunigung einzuleiten, werden die Prozesse der Balancierung erneut in Gang kommen. Nur so können die Georgier die "Imagomotorik" (Erich Rothacker) ihrer Kultur mitsamt ihren polaren Tendenzen konrollieren und zu bewussten Gestaltern ihrer Symbolisationen werden. Es geht dabei nicht um Ästhetizismus und Psychologismus, sondern um die Ausbildung von „Urteilskraft“, die nach Kant die Vermittlung von Natur und Freiheit gewährleistet.

Die von Scheler bereits in den 1920er Jahren antizipierte Aufgabe der Politik, diese „universalisierende Kräfteenstspannung“ so zu leiten und zu lenken, dass der Ausgleich „mit einem Minimum von Zerstörung Explosion, Blut und Tränen“ zustande kommt, wird bis heute kaum wahrgenommen. Von einer Politik, die die vitale Tiefendimension des Menschseins mit der modernen Zivilisationsentwicklung auf eine Weise verbindet, die zur Vergeistigung unserer von der bisherigen Evolution ausgebildeten seelisch-leiblichen Fähigkeiten beiträgt, sind wir zurzeit in ganz Europa weit entfernt. Für Georgien ist eine solche Politik allerdings die conditio sine qua non des Überlebens. Ökologie, Anthropologie, Noologie und Axiologie müssen heute in einer Meta-Anthropologie so koordiniert werden, dass sie einer Politik des Menschen dienen können. Das wäre auch das notwendige Organon einer georgischen Renaissance. Dazu bedarf es der Überwindung des heute vorherrschenden Positivismus und Pragmatismus, einer neuen Verbindung von Erkenntnis und Bildung. Die Voraussetzungen der georgischen Renaissance im „Zeitalter des Ausgleichs“ sollten kultursoziologisch erforscht werden: Die „Grundkategorien der geschichtlichen Anstrengungen“ heißen heute, wie der deutsche Soziologe Helmut Schelsky bereits 1955 prognostizierte, nicht nur „Planung, Neubau und Entscheidung“, sondern mindestens so sehr „Wiederholung, Bewahrung.“ Die Pflege von Traditionen bzw. der Erhalt von Institutionen sind heute keine naturwüchsigen Habitualisierungen mehr, sondern geistige Akte. „Vielleicht heißen die schöpferischen Aufgaben, die uns die Geschichte in der Zukunft stellt, von jetzt ab wieder: Renaissance!“ So jedenfalls schloss Schelsky Mitte der 1950er Jahre seine Ausführungen.